Archiv der Kategorie: Deutsch

Taufiq Ismail: In welchem Ozean ist es versunken

Ich bin unterwegs auf der Suche nach Ehrlichkeit
Keine Ahnung, wie ihre Adresse lautet

Ich gehe los, um Schlichtheit zu suchen
Ich weiß nicht, wo sie sich versteckt

Ich frage mich, wo die Verantwortung ist
In welchem Meer ist sie versunken?

Ich bin unterwegs auf der Suche nach Geduld
In welchem Dschungel ist sie verschwunden?

Ich bin unterwegs auf der Suche nach Aufrichtigkeit
Sie scheint da zu sein, aber wo nur?

Ich bin unterwegs auf der Suche nach Frieden
In welchem Himmel fliegt er?

Ach Ehrlichkeit und Schlichtheit
Ach Verantwortung und Geduld

Ach Aufrichtigkeit und Frieden
Wo seid ihr jetzt nur geblieben?

Die heutige Zeit vermisst euch sehr
Die heutige Zeit vermisst euch sehr.

2010

Quelle: Taufiq Ismail: Staub auf Staub. Übersetzt von Edwin P. Wieringa, Carsten U. Beermann; Horison Verlag (Indonesien), 2015, S. 300

© Taufiq Ismail, Edwin P. Wieringa, Carsten U. Beermann

Taufiq Ismail: Silhouetten

Der Nieselregen hat Tränen vergossen
Auf die müde Erde
Wind weht durch lange Straßen
Da ist kein Haus. Wir haben kein Haus
Wir sind nichts weiter als Schatten

Der Nieselregen hat Tränen vergossen
Auf die ausgelaugte Erde
Auf drangsalierte Körper
Wir haben Hunger. Wir haben sehr großen Hunger
Hungrige Schatten

Der Nieselregen hat Tränen vergossen
Auf die einsame Erde
Nach ungestümen Parade
Wind weht durch lange Straßen
So eindringlich
So durchdringend
Schatten in Millionen
Millionen von Schatten

Im Schatten eines Pfeilers
Im Schatten des Goldes
Millionen von Schatten
Beweinen den Nieselregen
Beweinen den Vulkan
Violetter Nebel
Streichelt langsam
Die Wälder
Im Süden

Juli, 1965

Quelle: Taufiq Ismail: Staub auf Staub. Übersetzt von Edwin P. Wieringa, Carsten U. Beermann; Horison Verlag (Indonesien), 2015, S. 36

© Taufiq Ismail, Edwin P. Wieringa, Carsten U. Beermann

Taufiq Ismail: Notizen aus dem Jahre 1965

Auf dem Hof werden Bücher verbrannt
Deine Schreibmaschine ist gefesselt
Schallplatten werden geschmort
Bücher verboten
Als ob wir Tollwut hätten

und räudig wären

Hamka wird von Pram bespuckt
Jassin wird gescholten und verurteilt
Auf eine schwarze Liste gesetzt

Usmar wird von Lentera verdammt
Takdir von Lekra verflucht
Sudjono wird von BTI mit einer Hacke angegriffen
Was vereint Nasakom
Muslime werden in den Dörfern umgebracht
Wie kann man nur Kanigoro vergessen
Die Kus-Brüder sind im Gefängnis
Mochtar immer noch im Verlies
Osram wird erniedrigt und eingesperrt
Asphaltstraßen bekommen Schlaglöcher
Erdöl verschwindet

Um Reis wird langen Schlangen gewetteifert
Wer verhungert
Jeden Morgen Inflation

Jeden Tag Ansprachen
Beleidigungen als Nährstoffe
Vulgärsprache kommt in Mode
Langhaarige Beatles werden verteufelt
Stimmbänder werden betäubt

Das Nervensystem anästhesiert
Man singt jetzt Genjer-Genjer
Man führt Kriegstänze auf
Die Farbe Rot wird geschwenkt
Die Farbe Schwarz dringt in die Herzen ein
Unter lautem Trommelwirbel
Finden tyrannische Paraden statt
Eine Infiltration der fünften Kolonne
Wer trägt noch einen Sarong
Der Tod Gottes wird aufgeführt.

(Jubiläumsparade der kommunistischen Partei Indonesiens, 23. Mai 1965

Quelle: Taufiq Ismail: Staub auf Staub. Übersetzt von Edwin P. Wieringa, Carsten U. Beermann; Horison Verlag (Indonesien), 2015, S. 26

© Taufiq Ismail, Carsten U. Beermann, Edwin P. Wieringa

Wiji Thukul: mahnung

wenn der machthaber spricht und
das volk sich abwendet
ist vorsicht geboten, denn
die menschen haben mut und vertrauen verloren

wenn sich das volk zurückzieht
die leute miteinander tuscheln
um ihre sorgen zu besprechen
dann, machthaber, sei vorsichtig
und lerne hinhören!

wenn das volk es nicht mehr wagt zu klagen
dann droht gefahr
wenn die rede des machthabers
einen widerspruch duldet
dann steht es schlecht um die wahrheit

wenn vorschläge unerhört bleiben
stimmen zum schweigen gebracht werden
kritik ohne grund verboten wird
subversiv genannt wird und
eine gefahr für die sicherheit
dann gilt nur ein wort: widerstand!

solo, 1986

Quelle: Wiji Thukul: graswurzellieder. Aus dem Indonesischen von Peter Sternagel; regiospectra 2018, S. 77

© regiospectra, Wahyu Susilo

Wiji Thukul: blume und mauer

vielleicht ist unsere blume dir im weg
du möchtest lieber häuser bauen
und dafür land rauben

vielleicht stört dich unsere blume
denn du möchtest lieber
breite straßen bauen
und zäune aus eisen

wenn nun zum beispiel unsere blume
herabgeschlagen würde
auf unserm eigenen land

wenn wir die blume sind
und du die mauer
wir aber ins innere der mauer
unsere samen gesät haben

dann werden wir gemeinsam wachsen
in der gewissheit: dass du zugrunde gehst

wir sind uns gewiss
tyrannei muss fallen überall

solo, 87-88

Quelle: Wiji Thukul: graswurzellieder. Aus dem Indonesischen von Peter Sternagel; regiospectra 2018, S. 73

© regiospectra, Wahyu Susilo

Wiji Thukul: ohne titel

von zuhause kam die nachricht
ihr habt mein haus durchsucht
ihr habt meine bücher geraubt

aber ich sage euch meinen dank
denn ihr habt euch
damit selbst
meinen kindern vorgestellt
habt meinen kindern gezeigt
was unterdrückung heißt

es wird nicht in der schule gelehrt
aber das regime macht es jetzt bekannt
jeden tag und überall
mit dem gewehr in der hand

eure grausamkeiten
sind der beweis für einen unterricht
der nirgendwo aufgeschrieben ist

indonesien, 11. august 96

Quelle: Wiji Thukul: graswurzellieder. Aus dem Indonesischen von Peter Sternagel; regiospectra 2018, S. 158

© regiospectra, Wahyu Susilo