Archiv des Autors: Indonesien Lesen - Indonesische Autoren im Blickpunkt

Über Indonesien Lesen - Indonesische Autoren im Blickpunkt

Indonesische Autoren, ihre Übersetzer und deren Werke stehen im Mittelpunkt dieses Blogs.

Eka Kurniawan: Auszug aus dem Roman „Tigermann“

Zwei

Der Tiger war weiß wie ein Schwan und zugleich scharf und mitleidslos wie ein Rothund. Mameh hatte ihn einmal für einen kurzen Augenblick gesehen, wie er, einem Schatten gleich, Margios Körper verließ. Davor und auch danach hatte sie ihn nie wieder zu Gesicht bekommen. Aber es gab ein Anzeichen, das sie wissen ließ, dass der Tiger noch in ihm war. Mameh kannte es gut, aber sie wusste nicht, ob andere Leute es auch sahen. Erkennbar war es nur in der Dunkelheit, wenn Margios Augen plötzlich katzengelb aufblitzten. Anfänglich hatte Mameh vor diesen Augen Angst, und noch mehr fürchtete sie, dass der Tiger nach draußen springen würde, aber mit der Zeit legte sich diese Furcht, und weil sie zu oft schon dieses in der Dunkelheit aufleuchtende Augenpaar gesehen hatte, war ihr nicht mehr bang. Er war kein Feind, der sie verletzen würde, im Gegenteil, der Tiger war wahrscheinlich da, um sie zu beschützen.

Margio selbst war ihm zum ersten Mal an einem Morgen begegnet; das war vor einigen Wochen gewesen, noch bevor er von zuhause fortgegangen war. Er hatte als einziger im Gebetshaus übernachtet, und als er am Morgen aufgewacht war, hatte kein Tablett mit dampfend heißem Kaffee neben ihm gestanden oder gar ein Teller mit Frühstücksreis – nein, vielmehr hatte neben ihm ein weißer Tiger gelegen, der sich die Pranken leckte. Margio war aufgewacht, weil dessen Schwanz vergnügt hin und her wippte und dabei seine nackten Füße traf, ganz so, wie wenn ihm Ma Soma mit der Hand leicht auf die Füße klopfte, um ihn für das Frühgebet zu wecken. Aber draußen war es schon hell gewesen, und der Regen hatte der Welt ein tiefgraues Gesicht gegeben – offenbar hatte es in der Nacht so stark gegossen, dass kein Mensch in der Morgendämmerung das Gebetshaus aufgesucht hatte. Natürlich hatte Margio sich ziemlich erschreckt, der Anblick hatte ihn so überwältigt, dass er nur still innehalten und voll Verwunderung auf dieses mit sich selbst beschäftigte mächtige Tier starren konnte.

Er wusste, dass das Tier nicht wirklich lebte. Während der zwanzig Jahre, die er jetzt schon auf Erden war, hatte er schon so häufig den Urwald am Rande der Stadt durchquert, aber noch nie war ihm solch ein Tier begegnet. Da gab es kleine Baumleoparden, Wildschweine und Rothunde, aber nie einen weißen Tiger fast so groß wie ein Rind. Er erinnerte ihn an seinen Großvater vor vielen Jahren. Ihm traten Tränen in die Augen, und er streckte ganz langsam seine Hand aus, um die vordere Pranke des Tigers kurz zu berühren. Sie lag tatsächlich als ein greifbares Ding da, mit einem Fell so weich wie ein Staubbesen, die Krallen eingezogen wohl als Freundschaftsangebot. Nun hatte er die zweite Pranke leicht angehoben, und Margio streckte erneut seine Hand aus, worauf der Tiger seine Pfote hin und her bewegte, wie ein junges Kätzchen, das spielen will. Margio versuchte geschickt zuzugreifen, aber der Tiger rollte sich auf den Rücken und wich aus, stellte sich unerwartet auf die Hinterbeine zum Angriff bereit, und bevor Margio sich in Sicherheit bringen konnte, stürzte er sich auf ihn, warf ihn zu Boden und rollte sich dort mit ihm, ließ dann aber von ihm ab, da Margio dem Gewicht nicht gewachsen war. Margio blieb liegen, der Tiger setzte sich neben ihn und putzte wieder seine Pranken. Da klopfte Margio ihm zart auf die Schulter und sagte:

„Großvater?“

Aus dem Indonesischen von Martina Heinschke aus: Eka Kurniawan: Tigermann. OSTASIEN Verlag (Reihe Phönixfelder 30), Gossenberg, 2015, (ISBN: 978–3-940527-92-9)

© OSTASIEN Verlag

Eka Kurniawan

Der 1975 in West-Java geborene Eka Kurniawan absolvierte sein Studium 1999 in Yogyakarta mit einer Arbeit über den für die indonesische Literatur des 20. Jahrhunderts wegweisenden Schriftsteller Pramoedya Ananta Toer. Nachdem er im Jahr 2000 seine erste Sammlung von Kurzgeschichten veröffentlicht hatte, folgte zwei Jahre später sein erster Roman Cantik itu Luka („Schönheit ist eine Wunde“), der ihn sogleich zu internationaler Berühmtheit verhalf. 2004 folgte sein ebenfalls international beachteter zweiter Roman, Lelaki Harimau („Tigermann“). 2014 und 2016 erschienen, nach 10-jähriger Pause, zwei weitere Romane. Fünf Sammlungen von Kurzgeschichten hat er bisher veröffentlicht, eine sechste wird unter dem Titel Sumur („Brunnen“) erscheint in diesen Tagen.

Kritiker loben Eka Kurniawan als einen der „ideenreichsten und sprachgewandtesten zeitgenössischen Erzähler Indonesiens“ (mein-literaturkeis.de), dessen „psychologische Wahrnehmungs- und sprachliche Ausdruckskraft ganz außergewöhnlich sind“ (Katharina Borchardt in der NZZ). Für sein Werk wurde er mehrfach hochrangig und international ausgezeichnet. 2015 nahm die New York Times die englische Übersetzung von Cantik itu Luka („Beauty is a Wound“) in die Liste der 100 besten Bücher des Jahres auf. Im selben Jahr wurde er von der US-amerikanischen Zeitschrift Foreign Policy zu einem von 100 Global Thinkers des Jahres gewählt. 2016 gewann Eka Kurniawan nicht nur den Emerging Voices Fiction Award der Financial Times/Oppenheimer Stiftung. Für Cantik itu Luka verlieh ihm die in Hong Kong und Australien beheimatete Asia Pacific Writers and Translators Association im gleichen Jahr den World Readers Award und er wurde als erster indonesischer Autor überhaupt mit Lelaki Harimau für den Booker-Preis vorgeschlagen. 2018 schließlich erhielt er den Prinz Claus Preis der gleichnamigen niederländischen Stiftung für Kultur und Entwicklung, welche Personen auszeichnet, die sich in besonderer Weise um die zeitgenössische Kultur verdient machen.

www.ekakurniawan.com


Eka Kurniawan: Schönheit ist eine Wunde

Einundzwanzig Jahre nach ihrem Tod erhebt sich Dewi Ayu aus ihrem Grab. Die einstmals beliebteste Prostituierte Halimundas findet, es sei an der Zeit, ihre jüngste Tochter kennenzulernen…

Eka Kurniawan: Tigermann

Ein dörfliches Wohngebiet am Rand einer Kleinstadt an Javas Südküste: Jeder kennt jeden, Alteingesessene leben neben neu Zugezogenen, die einen recht gutgestellt, die anderen mühsam um Arbeit und ein Auskommen kämpfend…

Eka Kurniawan: Schönheit ist eine Wunde

Einundzwanzig Jahre nach ihrem Tod erhebt sich Dewi Ayu aus ihrem Grab. Die einstmals beliebteste Prostituierte Halimundas findet, es sei an der Zeit, ihre jüngste Tochter kennenzulernen. Wieder in der Welt der Lebenden, muss sie feststellen, dass ihre Töchter grausame Schicksale erdulden müssen. Alle, bis auf die jüngste – denn die ist mit unsagbarer Hässlichkeit gesegnet.

Dewi Ayu begibt sich auf die Suche nach der Ursache für den Fluch, der auf ihrer Familie lastet. Eine Suche, die im Zweiten Weltkrieg beginnt, über einen despotischen Herrscher führt und dem Aufstreben einer jungen Nation beiwohnt. Zwischen fliegenden Frauen, rachsüchtigen Geistern und besessenen Totengräbern spinnt sich ein Netz der Wahrheit, das die Geschichte einer Familie und eines ganzen Landes einfängt.

Eka Kurniawan: Schönheit ist eine Wunde. Roman Aus dem Indonesischen von Sabine Müller. Unionsverlag, Zürich 2017

Hardcover (ISBN-13: 978-3-293-00521-1ISBN-10: 3-293-00521-7)


Martina Heinschke

Martina Heinschke ist Dolmetscherin und Übersetzerin in Hamburg.

Ein einjähriger Aufenthalt als Austauschschülerin 1970/71 in Indonesien hat ihre Liebe zu dem Land geweckt. In der Folge studierte sie das Fach Austronesische Sprachen und Kulturen mit dem Schwerpunkt indonesische Philologie. Sie befasst sich besonders mit der modernen indonesischen Literatur und wurde 1991 mit einer Arbeit über die Literaturkonzeptionen indonesischer Autoren der Angkatan 45 („Generation von 1945“) promoviert.

Als Lehrbeauftragte unterrichtet sie an der Abteilung Sprachen und Kulturen Südostasiens der Universität Hamburg. Sie hat Werke von Laksmi Pamuntjak („Alle Farben Rot“, Berlin: Ullstein 2015) und Eka Kurniawan („Tigermann“, Gossenberg: Ostasien Verlag 2015) übersetzt. Ein zweisprachiger Band mit von ihr übertragenen ausgewählten Gedichten Sitor Situmorangs wird 2021 im Ostasien Verlag erscheinen („Zwischen den Kontinenten“).  


Eka Kurniawan: Tigermann

Ein dörfliches Wohngebiet am Rand einer Kleinstadt an Javas Südküste: Jeder kennt jeden, Alteingesessene leben neben neu Zugezogenen, die einen recht gutgestellt, die anderen mühsam um Arbeit und ein Auskommen kämpfend…


Eka Kurniawan: Tigermann

Ein dörfliches Wohngebiet am Rand einer Kleinstadt an Javas Südküste: Jeder kennt jeden, Alteingesessene leben neben neu Zugezogenen, die einen recht gutgestellt, die anderen mühsam um Arbeit und ein Auskommen kämpfend. Die Erzählung beginnt mit der Nachricht von einem brutalen Mord. Margio, ein stiller Junge, zwanzig Jahre alt, als Treiber bei der Wildschweinjagd allseits geschätzt, hat überraschend seinen Nachbarn getötet, nicht mit einer Waffe – er hat ihm vielmehr die Kehle durchgebissen.

Der Roman kreist um die Hintergründe der Tat. Sprachlich präzise, dicht und mit ungewöhnlichen Metaphern lässt Eka Kurniawan Margios Welt entstehen: schwierige Familienverhältnisse, die Beziehungen zwischen den Nachbarn, die Bindung an die Großeltern, Margios Geschick bei der Jagd, die Unsicherheiten der ersten Liebe.

Der Roman bietet eine überzeugende soziale und psychologische Darstellung, wobei der Rekurs auf den Tigermythos ein magisches Element einflicht und mit deren Grenzen spielt.

Tigermann aus dem Jahr 2004 ist beispielhaft für den eleganten Erzählstil von Eka Kurniawan und zeigt ihn als Meister der Beobachtung und psychologischen Deutung.

Der Roman wurde bereits ins Englische, Französische, Italienische und Koreanische übersetzt.

Eka Kurniawan: Tigermann. Reihe Phönixfeder 30
OSTASIEN Verlag

Paperback-Ausgabe, 2015.
ISBN-13: 978-3-940527-92-9 (978-3940527929, 978394052929) ISBN-10: 3-940527-92-0 (3940527920)

Hardcover-Ausgabe, 2016. 
ISBN-13: 978-3-940527-93-6 (978-


Eka Kurniawan: Kutipan dari „Lelaki Harimau“

Dua

Harimau itu putih serupa angsa, ganas sebengis ajak. Mameh pernah melihatnya suatu kali, sejenak, keluar dari tubuh Margio, seperti bebayang. Sebelumnya tak pernah ia melihat itu, pun setelahnya. Hanya satu pertanda bahwa harimau itu masih ada di sana, dan Mameh tahu, meski ia tak tahu apakah orang lain tahu. Pertanda itu hanya tampak di dalam gelap, di mata Margio, yang mendadak berkilau kuning, serupa milik kucing. Awalnya Mameh takut melihat mata itu, dan lebih cemas harimaunya sungguh keluar dari sana, namun bersama berlalunya waktu, dan sebab terlampau sering melihat sepasang cahaya dalam gelap itu, ia tak lagi cemas. Itu bukan musuhnya, ia tak akan melukainya, dan sebaliknya, barangkali harimau itu ada di sana untuk melindungi mereka.

Margio sendiri menemukannya suatu pagi, kala terbangun dari tidur seorang diri di surau, berminggu lalu sebelum ia minggat. Bukan kopi hangat mengepul di atas tatakan, bukan pula sepiring nasi goreng sarapan pagi, tapi seekor harimau putih rebah di sampingnya, tengah menjilati kakinya sendiri. Ia terbangun disebabkan ekor si harimau yang menari, menyapu kali telanjangnya, dan sejenak ia pikir itu tepukan tangan Ma Soma membangunkannya, mengajaknya salat Subuh. Tapi ternyata hari telah pagi, dan di luar hujan turun dengan wajah semesta yang kelabu, nyata semalam hujan besar dan tak ada orang datang di kala subuh. Tentu saja ia rada terkejut, demikian terguncangnya hingga apa yang bisa ia lakukan hanya diam tercekat, dan memandang takjub pada binatang gempal yang iseng sendiri itu.

Ia tahu binatang ini tak sungguh-sungguh hidup. Sepanjang dua puluh tahun hidupnya, ia telah keluar masuk rimba raya di pinggiran kota, dan tak pernah menemukan harimau semacam itu. Ada harimau pohon yang kecil, ada babi, dan ada ajak, tapi tak ada harimau putih hampir sebesar sapi. Itu mengingatkan dirinya pada kakeknya, bertahun-tahun lampau. Matanya dibikin berkaca-kaca, dan tangannya terulur perlahan, mencoba meraih kaki depan si harimau. Benda itu sungguh-sungguh ada di sana, dengan bebulu selembut kemoceng, kuku-kukunya tersembunyi pertanda suatu tawaran bersahabat, dan kaki terangkat, tangan Margio meraihnya lagi, dan kaki si harimau menepuk kecil, serupa anak kucing genit bermain-main. Margio meraihnya gesit, namun si harimau menghindar berguling, lalu mengambil kuda-kuda, siap menyerang, sebelum Margio sempat menghindar, ia telah menubruknya, dan di sana mereka berguling-guling dan hanya karena Margio tak sanggup menahan beban binatang itu mereka berhenti. Margio masih berbaring, si harimau kembali menjilati kakinya, bersimpuh di sampingnya. Lembut Margio menepuk bahunya, sambil menyapa.

„Kakek?“

Sumber: Eka Kurniawan: Lelaki Harimau Gramedia Pustaka Utama, Jakarta
(ISBN: 2015 978-602-03-2220-9 )

Eka Kurniawan: Kutipan dari „Cantik Itu Luka“

1

Sore hari di akhir pekan bulan Maret, Dwi Ayu bangkit dari kuburan setelah dua puluh satu tahun kematian. Seorang bocah gembala dibuat terbangun dari tidur siang di bawah pohon kamboja, kencing di celana pendeknya sebelum melolong, dan keempat dombanya lari di antara batu dan kayu nisan tanpa arah bagaikan seekor macan dilemparkan ke tengah mereka. Semuanya berawal dari kegaduhan di kuburan tua, dengan nisan tanpa nama dan rumput setinggi lutut, tapi semua orang mengenalnya sebagai kuburan Dewi Ayu. Ia mati pada umur lima puluh dua tahun, hidup lagi setelah dua puluh satu tahun mati dan kini hingga seterusnya, tak ada orang yang tahu bagaimana menghitung umurnya.

Orang-orang dari kampung sekitar pemakaman datang ke kuburan tersebut begitu si bocah gembala memberitahu. Mereka bergerombol di balik belukar ceri dan jarak dan di kebun pisang, sambil menggulung ujung sarung, menggendong anak, menenteng sapi lidi, dan bahkan berlepotan lumpur sawah. Tak seorang pun berani mendekat, hanya mendengarkan kegaduhan dari kuburan tua itu bagaikan mengelilingi tukang obat sebagaimana sering mereka lakukan di depan pasar setiap hari Senin. Menikmatinya penuh ketakjuban, tak peduli itu merupakan horor yang menakutkan seandainya mereka sendirian saja. Bahkan mereka berharap sedikit keajaiban daripada sekadar kegaduhan kuburan tua, sebab perempuan di dalam tanah itu pernah jadi pelacur bagi orang-orang Jepang sejak masa perang dan para kyai selalu bilang bahwa orang-orang berlepotan dosa pasti memperoleh siksa kubur. Kegaduhan itu pasti berasal dari cambuk malaikat penyiksa, dan mereka tampak bosan, dan berharap sedikit keajaiban yang lain.

Keajaiban, ia datang dalam bentuknya yang paling fantastis. Kuburan tua itu bergoyang, retak, dan tanahnya berhamburan bagaikan ditiup dari bawah, menimbulkan bagai dan gempa kecil dengan rumput dan nisan melayang dan di balik hujan tanah yang bagaikan tirai itu sosok si perempuan tua berdiri dengan sikap jengkel yang kikuk, masih terbungkus kain kafan seolah ia dan kain kafanya dikubur semalam saja. Orang-orang histeris dalam teriakan serempak yang menggema oleh dinding-dinding bukit di kejauhan, berlari lebih semrawut dari kawanan domba. Seorang perempuan melemparkan bayinya ke semak-semak, dan seorang ayah menggendong batang pisang. Dua orang lelaki terperosok ke dalam parit, yang lainnya tak sadarkan diri di pinggir jalan, dan yang lainnya lagi berlari lima belas kilometer tanpa henti.

Menyaksikan itu semua, Dewi Ayu hanya terbatuk-batuk dan terpukau menemukan dirinya di tengah-tengah kuburan. Ia telah melepaskan dua ikatan teratas kain kafan dan melepaskan dua ikatan lagi di bagian kaki untuk membebaskannya berjalan. Rambutnya telah tumbuh secara ajaib, sehingga ketika ia mengeluarkannya dari selimut kain mori itu, mereka berkibaran diterpa angin sore, menyapu tanah, seperti lumut berwarna hitam mengilau di dalam sungai. Wajahnya putih cemerlang, meskipun kulitnya keriput, dengan mata yang begitu hidup dari dalam rongganya, menatap orang-orang yang bergerombol di balik belukar sebelum separuh dari mereka melarikan diri dan separuh yang lain tak sadarkan diri. Ia mengomel entah pada siapa, bahwa orang-orang telah berbuat jahat menguburnya hidup-hidup.

Hal pertama yang ia ingat adalah bayinya, yang tentu saja bukan lagi seorang bayi. Dua puluh satu tahun lalu, ia mati dua belas hari setelah melahirkan seorang bayi perempuan buruk rupa, begitu buruk rupanya sehingga dukun bayi yang membantunya merasa tak yakin itu seorang bayi dan terpikir itu seonggok tai, sebab lubang keluar bayi dan tai hanya terpisah dua sentimeter saja. Tapi si bayi menggeliat, tersenyum, dan akhirnya si dukun bayi percaya ia memang bayi, bukan tai, dan berkata pada si ibu yang tergeletak di atas tepat tidur tak berdaya dan tak berharap melihat bayinya, bahwa bayi itu sudah lahir, sehat, dan tampak ramah.

„Ia perempuan, kan?“ tanya Dewi Ayu.

„Yah, “ kata si dukun bayi, „seperti tiga bayi sebelumnya.“

„Empat anak perempuan, semuanya cantik, seharusnya aku punya tempat pelacuran sendiri,“ kata Dewi Ayu dengan nada jengkel yang sempurnya. „Katakan padaku, secantik apa bungsu ini?“

Sumber: Eka Kurniawan: Cantik Itu Luka. Gramedia Pustaka Utama, 2018. (ISBN-10: ‎ 6020312585; ISBN-13: ‎ 978-6020312583)

Eka Kurniawan: Auszug aus dem Roman „Schönheit ist eine Wunde“

1

An einem Wochenendnachmittag im März und einundzwanzig Jahre nach ihrem Tod erhob sich Dewi Ayu aus ihrem Grab. Ein Hirtenjunge, der sein Mittagsschläfchen unter einem Frangipanibaum gehalten hatte, wachte auf, machte sich in seine kurzen Hosen und begann zu schreien, derweil seine vier Schafe panisch zwischen den Grabmalen aus Stein oder Holz umherrannten, als sei plötzlich ein Tiger in ihre Mitte gesprungen. Alles begann mit lauten Geräuschen aus dem Inneren eines alten Grabes, das jeder, trotz des namenlosen und kniehoch mit Gras überwucherten Steins, als die letzte Ruhestätte von Dewi Ayu kannte. Da sie im Alter von zweiundfünfzig Jahren gestorben und nach einundzwanzig Jahren wiederauferstanden war, konnte am Ende niemand ihr wahres Alter berechnen.

Sobald der Hirtenjunge ihnen berichtet hatte, was auf dem Friedhof vor sich ging, liefen die Leute aus der Umgebung herbei. Die Enden ihrer Sarongs hochraffend, Kinder tragend, Besenstiele umklammernd oder noch schmutzig von der Arbeit im Reisfeld, drängten sie sich hinter Zierkirsch- und Rizinusstauden oder in der angrenzenden Bananenpflanzung.

Niemand wagte, sich dem alten Grab zu nähern. Die Leute lauschten nur dem Lärm aus dessen Innerem, so als stünden sie, wie sie es oft taten, um den Hausierer herum, der jeden Montag vor dem Markt seine Heilmittel anbot. Sie genossen das unheimliche Schauspiel, das sie in Angst versetzt hätte, wären sie ganz allein dort gewesen. Zudem erwarteten sie noch eine Art Wunder und nicht bloß laute Geräusche aus einem alten Grab, denn schließlich war die Frau unter diesem Stück Erde in den Kriegsjahren eine Prostituierte für die Japaner gewesen, und die Kyais sagten immer, dass die mit Sünde behafteten Menschen ihre grausame Strafe im Grab erhalten würden. Der Lärm rührte also bestimmt von der Peitsche eines strafenden Engels her. Doch den Leuten wurde es langsam langweilig, denn ein bisschen aufregender durfte es schon werden.

Das Wunder kam dann, und zwar überaus fantastisch. Das Grab bebte, bekam Risse, und die Erde flog in die Luft, als wäre darunter ein Sprengsatz detoniert. Es folgten ein leichtes Beben, dann ein Windstoß, der Gestrüpp und Grabsteine umherwirbelte, und unter dem Regen aus Erde, der über der Szene niederging, stand die Gestalt einer alten Frau mit regungsloser, mürrischer Miene und noch in ein Leichentuch gehüllt, als wäre sie erst in der Nacht davor begraben worden. Die Leute gerieten außer sich und liefen, panischer noch als die Schafe, auf und davon. Ihre Schreie hallten von den Berghängen in der Ferne wider. Eine der Frauen warf ihr Baby in die Büsche, und ihr Mann umklammerte einen Bananenstrunk. Zwei Männer stürzten in einen Graben, einige fielen bewusstlos an den Straßenrand, und wieder andere liefen ohne anzuhalten mindestens fünfzehn Kilometer weit.

Dewi Ayu, die all das beobachtete, hustete nur und staunte, sich mitten auf einem Friedhof wiederzufinden. Sie hatte inzwischen die zwei obersten Knoten ihres Leichentuchs gelöst und machte sich an die zwei untersten, um gehen zu können. Ihr Haar war auf wundersame Weise gewachsen, und als sie es aus dem weißen Baumwolltuch schüttelte, fiel es, in der Nachmittagsbrise wehend und glänzend wie
schwarze Algen im Fluss, bis auf die Erde. Ihre Haut war faltig, doch ihr Gesicht schimmerte hell. Aus lebhaften Augen beobachtete sie die Leute, die sich hinter die Büsche gedrängt hatten, bevor ein Teil von ihnen die Flucht ergriff und der andere Teil die Besinnung verlor. An niemanden im Besonderen gerichtet, schimpfte sie laut und klagte, wie schlecht die Menschen doch waren, sie bei lebendigem Leib begraben
zu haben.

Ihr erster Gedanke war ihr Baby, das natürlich längst kein Baby mehr war. Als sie vor einundzwanzig Jahren starb, hatte sie nur zwölf Tage zuvor ein hässliches Mädchen zur Welt gebracht. Es war so hässlich, dass die Hebamme unsicher war, ob es sich tatsächlich um ein Baby handelte oder um einen Klumpen Kot, zumal zwischen der Öffnung für Babys und der Öffnung für Kot nur zwei Zentimeter Abstand lagen. Aber das Neugeborene krümmte sich und lächelte, und schließlich war die Hebamme doch davon überzeugt, dass es wahrhaftig ein Baby war. Der Mutter, die kraftlos und ohne erkennbaren Wunsch, ihr Neugeborenes zu sehen, auf dem Bett lag, sagte sie, dass
das Baby gesund war und einen freundlichen Eindruck machte.

»Es ist ein Mädchen, stimmts?«, fragte Dewi Ayu.

»Ja«, antwortete die Hebamme, »genau wie die drei Babys davor.«

»Vier Töchter, und alle sind sie schön«, sagte Dewi Ayu barsch. »Ich sollte ein eigenes Bordell aufmachen. Sag mir, wie hübsch ist die Kleine?«

aus: Eka Kurniawan: Schönheit ist eine Wunde. Aus dem Indonesischen von Sabine Müller. Unionsverlag, 2017 (Hardcover). ISBN-13: 978-3-293-00521-1ISBN-10: 3-293-00521-7

© Unionsverlag

Okky Madasari

Okky Puspa Madasari, besser bekannt als Okky Madasari, wurde 1984 in Magetan in Ost-Java geboren. Sie absolvierte 2005 ihren Bachelor in Politikwissenschaft an der Gadjah Mada Universität in Yogyakarta, Zentral-Java, und arbeitet seither als Journalistin und Schriftstellerin. 2014 erhielt sie in Jakarta ihren Mastertitel in Soziologie von der University of Indonesia, Jakarta, wo sie über das Thema Genealogi Sastra Indonesia: Kapitalisme, Islam dan Sastra Perlawanan („Die Genealogie indonesischer Literatur: Kapitalismus, Islam und Kritische Literatur“) geschrieben hatte. Ihre Masterarbeit wurde veröffentlicht und kann auf ihrer Webseite kostenfrei heruntergeladen werden. Zurzeit (Anfang 2021) schreibt Okky Madasari als Stipendiatin der National University of Singapore an ihrer Promotion zum Thema Kulturzensur.

Zwischen 2010 und 2019 publizierte Okky Madasari fünf Romane, eine Sammlung von Kurzgeschichten, drei Kinderbücher und ein nicht-fiktionales Buch. Im Mittelpunkt ihrer Romane stehen die Opfer von Ungerechtigkeiten, Korruption und Diskriminierung. Sie erzählt Geschichten vom Widerstand gegen Unterdrückung und vom Kampf um Freiheit und Menschlichkeit. Dabei erschafft sie scharf gezeichnete, realistische Portraits der modernen indonesischen Gesellschaft. Drei Jahre in Folge wurden ihre Werke für den bedeutendsten Literaturpreis Indonesiens, den Khatulistiwa Literary Award, nominiert. Für ihren dritten Roman, Maryam, wurde sie 2012 im Alter von nur 28 Jahren mit diesem begehrten Preis ausgezeichnet. Damit ist sie die bisher jüngste Empfängerin des Khatulistiwa-Preises überhaupt.

2015 gehörte Okky Madasari zu denjenigen indonesischen Schriftsteller*innen, die das Ehrengastland Indonesien auf der Frankfurter Buchmesse vertraten. Zwei Jahre später wurde sie von der US-Regierung ausgewählt, als Teilnehmerin des internationalen Schreibprogramms der Universität von Iowa Indonesien zu vertreten. Im selben Jahr trat sie in Deutschland als Gastrednerin beim Berliner Literaturfestival auf. 2017 wurde Okky von Indonesiens größtem Nachrichtenportal Detik.com in die Liste der Kartini Masa Kini („Kartini unserer Zeit“) aufgenommen, die Frauen aufführt, die sich durch bedeutende Leistungen ausgezeichnet haben. 2019 nominierte man sie für ihren Beitrag zur Förderung der Kultur in der Region Südostasien für den Women of the Future Award. Okky Madasari ist Mitbegründerin des ASEAN Literary Festivals, das bis 2017 alljährlich Schriftsteller*innen, Verleger*innen und Publizist*innen aus der gesamten ASEAN-Region und außerhalb davon zusammenbrachte und dem Publikum vorstellte. Als Rednerin war und ist Okky Madasari zu Gast auf den Bühnen zahlreicher internationaler Literatur-Festivals, wo sie unter anderem über kultur- und gesellschaftspolitische Themen, über die Rolle von Literatur, Islam und über Frauenliteratur spricht. Neben ihrer Tätigkeit als Buchautorin schreibt Okky Madasari regelmäßig für indonesische und internationale Medien über Literatur, Zensur, Ausdrucksfreiheit und die Soziologie des Wissens.

https://www.okkymadasari.net/


Okky Madasari: Gebunden. Stimmen der Trommel

„Gebunden. Stimmen der Trommel“ ist die Übersetzung von Okky Madasaris viertem Roman Pasung Jiwa. Der Roman erschien in Indonesien 2013, und wurde ins Englische, Arabische und von Gudrun Ingratubun ins Deutsche übersetzt, wo er im Jahr 2015 im sujet Verlag erschien. Noch während seines Erscheinungsjahrs 2013 wurde Pasung Jiwa in Indonesien für den Khatulistiwa Literaturpreis nominiert.

Der Roman erzählt die Geschichte zweier Freunde, die in den späten 1990er Jahren während der zu Ende gehenden Regierungszeit des Diktators Suharto ihr Studium abbrechen und eine Straßenband gründen. Sie engagieren sich politisch und werden bei einer Razzia verhaftet.

Schwer traumatisiert durch das, was ihnen im Gefängnis angetan wurde, gehen beide nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis getrennte Wege. Während der transsexuelle Sasana als Sängerin Sasa auf lokalen Bühnen auftritt, muss Jaka sich als Fabrikarbeiter verdingen. Im Zuge der Finanzkrise und dem damit einhergehenden Ende der Regierungszeit des Diktators Suharto Ende der 1990er Jahre wird Jaka jedoch arbeitslos und findet im islamischen Extremismus einen Halt. Bei einem Konzert von Sasa begegnen sich die beiden wieder.

Okky Madasari engagiert sich in diesem Buch gegen Extremismus und Diskriminierung und zeigt, dass in Indonesien auch nach Einführung der Demokratie Bewegungen erstarkt sind, die gesellschaftliche Freiheit und Toleranz akut bedrohen.

Okky Madasari: Gebunden. Stimmen der Trommel. sujet Verlag, 2. Auflage 2017
(ISBN: 978–3-944201–83-2)