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Iksaka Banu: Lebewohl, Hindia!

Der alte Chevrolet, in dessen Fond ich saß, verlangsamte seine Fahrt, bis er schließlich am Ende der Noordwijk-Straße vor einer Barrikade aus Bambusstangen zum Stehen kam. Nur einen Augenblick später tauchte, einem Albtraum gleich, von der linken Seite eines Gebäudes her eine Gruppe langhaariger Männer auf, die ihre Waffen auf uns gerichtet hielten. Sie trugen abgetragene, offenbar aus unterschiedlichen Armeebeständen stammende Uniformen und rotweiße Tücher um ihre Köpfe.

„Aufständische“, raunte Dullah, mein Fahrer, mir zu.

„Sie müssen unbedingt den Presseausweis sehen!“, flüsterte ich zurück.

Dullah deutete mit der Hand auf das an der Frontscheibe angebrachte Stück Papier. Einer der Männer, die allem Anschein nach die Straßenblockade errichtet hatten, schaute durchs Seitenfenster,

„Wohin gehts?“, fragte er mit bedrohlich funkelnden Augen. Er trug einen schwarzen Peci. Sein dichter Schnurrbart teilte sein Gesicht in eine obere und eine untere Hälfte.

„Freiheit, Herr! Wir sind auf dem Weg nach Gunung Sahari. Er ist Journalist. Er ist in Ordnung“, erwiderte Dullah mit einer Miene, mit der er größtmögliche Ruhe auszustrahlen versuchte, und deutete mit dem Daumen nach hinten auf mich.

„Steig aus, bevor du mit mir redest, Idiot!“, fuhr ihn der Schnurrbart an und schlug mit der flachen Hand auf die Motorhaube, dann setzte er hinzu: „Sag dem Weißen, er soll auch aussteigen!“

Eilig kamen Dullah und ich seinem Befehl nach. Mit Hilfe einiger seiner Kameraden durchsuchte uns der Schnurrbart von oben bis unten. Ein Päckchen Davros, aus dem ich erst eine einzige Zigarette geraucht hatte, wechselte sogleich hinüber in seine Hemdtasche. Ebenso wie ein Bündel Geldscheine in der japanischen Militärwährung aus meiner Brieftasche. Einer der Aufständischen stieg ins Auto, durchsuchte erst das Handschuhfach, setzte sich dann auf den Fahrersitz und drehte das Lenkrad hin und her wie ein kleines Kind.

„Martinus Witkerk. De Telegraaf“, las der Schnurrbart aus meinem Auftragsschreiben vor, dann wandte er sich zu mir: „Niederländer?“

„Er spricht kein Malaiisch, er stammt von dort“, schaltete sich Dullah ein. Das war natürlich eine Lüge.

„Ihn hab ich gefragt, nicht dich. Verflucht nochmal!“.

Der Anführer schlug Dullah ins Gesicht. „Deine Landsleute werden von Kugeln durchsiebt und sterben, und du machst bei den Kolonialisten mit. Los, verschwindet von hier! Haut bloß ab!“ Er gab mir meine Brieftasche zurück und steckte sich eine seiner erbeuteten Zigaretten an.

„Danke, Dullah“, sagte ich nach einer Weile, nachdem unser Wagen sich wieder in Bewegung gesetzt hatte. „Ist alles in Ordnung?“

„Nichts passiert, Herr. Ein paar von diesen Männern sind eben so. Sie geben vor, Freiheitskämpfer zu sein, aber dann dringen sie einfach in die Häuser einfacher Leute ein und verlangen nach Essen und Geld. Und Frauen belästigen sie auch oft“, erklärte Dullah. „Zum Glück saß ich am Steuer.

Ich glaube, wenn Herr Schurck gefahren wäre, hätten Sie das beide nicht überlebt. Männer wie die von vorhin zögern nicht, Europäer zu töten, die leicht aus der Haut fahren wie Herr Schurck. Egal ob Journalist oder nicht.“

„Jan Schurck hat in der Tat ein Händchen dafür, sich in Schwierigkeiten zu bringen“, sagte ich nunmehr schmunzelnd.

„Das ist der Grund, warum ihm das Life-Magazin ein so hohes Gehalt zahlt.“

„Sind Sie sich bei der Adresse der jungen Dame sicher?“

„Ja, gegenüber dem Topografisch Bureau muss es sein. Sie wollte einfach nicht von dort weg. So ein Dickkopf.“

Der Dickkopf. Maria Geertruida Welwillend.

Geertje! Ja, so nannte man sie.

Ich war dieser Frau zum ersten Mal im Internierungslager Struiswijk begegnet, das war kurz nachdem bekannt gegeben wurde, dass die Japaner vor den Alliierten kapituliert hatten.

Vor unserer Begegnung hatte ich im Hotel Des Indes, das inzwischen wieder von Niederländern geführt wurde, mit ein paar der anderen Journalisten über die Niederlage Japans und deren Folgen für die Bevölkerung Niederländisch-Indiens diskutiert.

„Die Unabhängigkeitserklärung hat im Zusammenspiel mit der Reaktionslosigkeit der Gemeindeoberhäupter dazu geführt, dass die einheimische Jugend nicht mehr klaren Kopfes unterscheiden kann, was es heißt, „für die Freiheit zu kämpfen“ oder „kriminell zu sein“. Der ewig schwelende Hass gegenüber den Weißen und allen mutmaßlichen Kollaborateuren scheint sich plötzlich Bahn zu brechen in den verlassenen Straßen jener Wohnviertel, in denen vornehmlich Europäer leben und die unmittelbar an jene der Einheimischen grenzen“, sagte Jan Schurck und warf einen Stapel Fotos auf den Tisch.

„God Almachtig. Die Leichen sind ja kaum mehr als Hackfleisch“, stieß Hermanus Schrijven vom Utrechts Niewsblad aus und bekreuzigte sich, nachdem er einen Blick auf die Fotos geworfen hatte. „Es heißt, die Schlächter seien Rädelsführer oder Räuber, die man als Soldaten rekrutiert hat. Einen Teil ihrer Beute verteilen sie unter den Einwohnern. Aber das Meiste behalten sie selbst.“

„Patriotische Räuber“, erwiderte Jan schulterzuckend.

„Die gab es auch zu Zeiten der Französischen Revolution oder der bolschewistischen Revolutionen oder heutzutage auch unter den jugoslawischen Partisanen.“

„Bastarde der Revolution“, warf ich ein.

„Ich hasse den Krieg“, sagte Hermanus und schnippte seine Zigarettenkippe fort.

„Die Europäer hier sind sich der Gefahren nicht bewusst“, sagte ich. „Nach ihrer langen Leidenszeit in den Internierungslagern wollen sie nichts anderes mehr, als so rasch wie möglich nach Hause zurückzukehren. Sie ahnen nicht, dass sich ihre Diener und Hausjungen inzwischen in Freiheitskämpfer verwandelt haben.“

„Ich befürchte“, ergriff Eddy Taylor vom Manchester Guardian das Wort, „die meisten von ihnen haben noch gar nichts von dem Appell Lord Mountbattens gehört, so lange in den Lagern zu bleiben, bis die Alliierten eintreffen.“

„Ja, und die japanischen Kommandanten, die nach ihrer Niederlage jeglichen Lebensmut verloren haben, lassen die Gefangenen einfach laufen. Das ist das Beängstigende daran“, sagte Jan und zündete sich die x-te Zigarette an.

„Es könnte schlimmer sein. Am 15. September landeten die britischen Truppen in der Bucht von Batavia“, ich deutete auf die entsprechende Stelle auf der Landkarte, die auf dem Tisch vor uns ausgebreitet lag. „Ein niederländischer Kreuzer, der bei der Landung ebenfalls dabei war, so heißt es, habe hiesige Militärkreise in mächtige Aufruhr versetzt. In deren Augen scheint dies den Verdacht zu erhärten, die Niederländer wollten nach Niederländisch-Indien zurückkehren.“

„Well“, warf Eddy Taylor ein und sah abwechselnd zu Jan und zu mir. Mal ganz unter uns, glaubt ihr daran, die Niederländer haben wirklich ein Interesse daran zurückzukommen?“

Unsere Diskussion wurde jäh unterbrochen, als Andrew Waller, Journalist des Sydney Morning Herald, der mit beachtlicher Ausdauer die Berichterstattung über die aktuellen Entwicklungen am Funkgerät verfolgt hatte, plötzlich ausrief: „Das ist ein Ding! Hört euch das an! Das ist höchst interessant! Ehemalige Soldaten der KNIL und britische Soldaten haben heute morgen damit begonnen, die Insassen der Internierungslager Cideng und Struiswijk zu verlegen.“

Ohne auch nur einen Augenblick Zeit zu verlieren, brachen wir alle miteinander auf. Jan und ich entschieden uns, das Internierungslager Struiswijk aufzusuchen.

Dort angekommen trafen wir den japanischen Kommandanten Major Adachi, der dem gesamten Unterfangen der Massenverlegung erleichtert entgegen sah.

„Unsere Patrouillen stoßen ständig auf die Leichen von Europäern, die aus dem Lager flohen. Am Straßenrand, verstümmelt und in Säcke gesteckt“, sagte er.

Ich nickte und machte mir Notizen. Tatsächlich aber haftete mein Blick an Geertje, die – mit einem Koffer in der Hand und seelenruhig – an uns vorüber spazierte. Sie ging allerdings nicht auf einen der bereitstehenden Lastwagen zu, sondern schlug die Richtung Drukkerwijweg ein, offenbar dazu entschlossen, dort eine Fahrradrikscha zu nehmen.

„Hei Martin!“ rief Jan Schurck mir zu. „Das Mädchen hat schon die ganze Zeit ein Auge auf dich geworfen. Schlag dein Glück nicht aus. Los, lauf ihr nach!“

Ich ging ihr tatsächlich nach, erlebte aber eine große Überraschung.

„Ich komme nicht mit“, sagte Geertje und blickte mich scharf an. „Ein paar Lastwagen fahren nach Bandung. Zu einem Aufnahmelager an der Ursulinen-Kapelle. Andere Lastwagen fahren nach Tanjung Priok. Aber ich muss nach Hause nach Gunung Sahari. Ich habe dort alle Hände voll zu tun“, erklärte sie.

„Willst du damit sagen, dass du in Gunung Sahari gelebt hast, bevor die Japaner kamen, und jetzt wieder dorthin zurückkehren willst?“, fragte ich.

„Was ist falsch daran?“, fragte Geertje zuruck.

„So einiges. Es ist der falsche Zeitpunkt und der falsche Ort. Immer mehr Weiße, Chinesen und mutmaßliche Kollaborateure der Niederländer werden umgebracht. Wie kannst du dorthin zurückwollen?“

„Weil dort mein Zuhause ist. Und nun bitte ich um Entschuldigung“,

Geertje kehrte mir den Rücken zu und nahm ihren Koffer, den sie kurz abgestellt hatte, wieder auf.

Ich war sprachlos. In einiger Entfernung sah ich diesen Mistkerl von Jan, der mit dem Daumen nach unten zeigte. „So warte doch!“ Ich lief Geertje hinterher. „Ich begleite dich.“

Diesmal wies sie mich nicht ab. Und Jan erklärte sich glücklicherweise bereit, mir sein Motorrad auszuleihen.

„Nimm dich vor diesem jungen Herrn in acht, Nyonya“, sagte er augenzwinkernd zu Geertje. „In den Niederlanden warten zahllose Frauen schmachtend auf seine Rückkehr.“

„Ach, ist das so?“, gab sie zurück. „Aber nenn mich doch Nona oder einfach Geertje.“

„Wenn das so ist, nenn du mich doch einfach Jan.“

„Und das hier ist Martin“, sagte ich und klopfte mir gegen die Brust. „Willst du nicht endlich diese Holzschuhe aus dem Lager loswerden?“, fragte ich mit einem Blick auf Geertjes Füße. „Haben die Soldaten im Lager etwa keine Schuhe an Frauen und Kinder ausgegeben? Sie haben doch auch Lippenstifte und Puder verteilt. Ihr werdet bald alle wieder hübsch aussehen können.“

„Ich bin noch nicht wieder an Schuhe gewohnt, daher habe ich sie im Koffer verstaut. Im Lager konnte ich mit den Holzschuhen richtig gut laufen“, erwiderte Geertje lachend, während sie sich auf den Rücksitz des Motorrads setzte.

Mijn God. Ihr frisches Lachen und diese Grübchen in ihren Wangen. Und wie diese sich auf ausnehmende Weise mit ihren im leichten Winkel zueinander stehenden Augenbrauen verbanden. Ihr Gesicht gab mir Rätsel auf. Ob sie wohl noch Familie hatte? Einen Ehemann? Nein, letzteres konnte nicht sein, vorhin wollte sie Nona, „Fräulein“, genannt werden.

„Das Zehnte Bataillon patrouilliert zwar häufig in Gunung Sahari“, räumte ich ein. „Sie bewachen die Viertel der Europäer. Aber natürlich weiß niemand, wann mit einem Angriff zu rechnen ist. Denk nochmal über meinen Vorschlag nach.“ Ich konnte Geertjes Gesicht im Rückspiegel sehen. Sie schien etwas sagen zu wollen, doch der Motor von Jans Motorrad dröhnte zu laut. Schließlich schwiegen wir die restliche Fahrt über.

An der Kreuzung Kwitang bog ich rechts ab, und so entfernten wir uns von der Kolonne der mit Frauen und Kindern beladenen Lastwagen. Ach, die Kinder. Ausgelassen klatschten sie in ihre Hände, sangen fröhliche Lieder. Sie ahnten nichts von dem so gut wie Unvermeidlichen, nämlich dass Hindia, das Land, in dem sie geboren worden waren, bald nur noch der Erinnerung angehören würde.

„Vor dem Fischteich da vorn ist es“, rief Geertje und schwenkte ihren Arm.

Ich fuhr an die Seite. Das recht große Haus war in erbärmlichem Zustand. Die Außenwände waren verschmutzt. Hier und dort waren Fensterscheiben zerborsten. Merkwürdig war jedoch, dass der Rasen im Hof erst vor Kurzem geschnitten worden zu sein schien.

„Warte!“, stieß ich aus und griff nach Geertjes Arm, als sie bereits im Begriff war, auf die Veranda zuzulaufen. Aus meiner Tasche auf dem Gepäckträger zog ich einen Dolch, den ich mir vorhin ebenfalls von Jan geborgt hatte. Ich stieß gegen die Vordertür. Sie war verschlossen.

„Willst du wirklich immer noch hinein?“, fragte ich Geertje.

„Ja“, war ihre Antwort. „Und steck deinen Dolch weg!

Lass mich anklopfen. Hoffentlich hat sich das Haus keine andere europäische Familie genommen.“

„Oder Aufständische“, gab ich zurück.

Geertje klopfte mehrere Male. Keine Antwort. Wir gingen um das Haus herum. Die Hintertüre stand einen Spalt weit offen. Wir wollten gerade eintreten, da hörten wir Schritte vom Garten her. Eine Einheimische von etwa fünfzig Jahren kam auf uns zu.

„Nona!“, rief sie aus, fiel auf die Knie und schlang ihre Arme um Geertjes Beine.

Geertje nahm sie bei den Schultern und hieß sie aufstehen.

„Die Japaner haben verloren. Ich komme wieder nach Hause, Iyah. Wo ist Ihr Mann? Haben Sie die ganze Zeit über hier gewohnt?“, fragte Geertje. „Das ist Herr Witkerk, ein Bekannter von mir. Martin, das ist Iyah, unsere Haushälterin.“

Iyah verneigte sich kurz vor mir und wandte sich dann wieder Geertje zu.

„Nachdem ich Sie das letzte Mal im Lager besuchte, haben die Japaner sich das Haus genommen. Offiziere wohnten hier. Ich habe für sie gekocht. Ich durfte nicht fortgehen. Deshalb habe ich Sie auch nicht mehr besuchen können.“

Iyah schluchzte abermals. „Wo ist Ihr Vater, Ihre Mutter, und der junge Herr Robert?“

„Mama ist im letzten Monat gestorben. Die Cholera.“.

Geertje schob die Tür weiter auf und trat ins Haus. Iyah und ich folgten ihr.

„Papa und Robert wurden nach Burma deportiert“, fuhr Geertje fort. „Ich habe schon den Lagerkommandanten darum gebeten, sich nach ihnen zu erkundigen.“

„Alles, was wertvoll war, hat man beschlagnahmt. Die Fotos an den Wanden wurden vernichtet und durch eine japanische Fahne ersetzt. Aber es ist noch nicht lange her, da sind sie plötzlich von hier fort. Ich weiß nicht wohin. Viel haben sie nicht mitgenommen“, erklärte Iyah. „Ich hole die Sachen zum Kochen aus dem Schuppen. Und ich hole meinen Mann hierher; denn als ich für die Japaner zu kochen anfing, bin ich in den Schuppen hinter dem Haus gezogen.

Auch als sie fort waren, habe ich mich nicht getraut, hier im Haus zu wohnen. Aber bei jeder Gelegenheit bin ich sofort hierher und habe, wo es nötig war, sauber gemacht.“

„Holen Sie Ihren Mann. Wir richten das Haus wieder her. Wenn die Banken wieder normal arbeiten, kann ich vielleicht etwas von meinem Sparbuch abheben.“ Geertje wartete, bis Iyah hinausgelaufen war, und setzte dann ihre Hausinspektion fort. Ein paar Tische und Stühle waren noch da, auch mehrere Schränke, diese waren allerdings leergeräumt. Im Wohnzimmer erwartete mich eine Überraschung: ein edles schwarzes Klavier. Erstaunlicherweise hatten es die Japaner weder beschlagnahmt noch zerstört. Vielleicht hatten sie es zu ihrer Unterhaltung genutzt.

Geertje blies über die dünne Staubschicht auf dem Deckel und öffnete ihn. Eine heitere Melodie erfüllte sogleich den Raum.

„Ist das ein Volkslied?“, fragte ich.

„‚Si Patoka’an‘“, sagte Geertje und nickte zustimmend, dann summte sie zu ihren Anschlägen der Tasten.

„Du bist wohl mit der ganzen Umgebung und den Leuten hier eng verbunden. Und sie scheinen dich ebenfalls zu mögen. Wahrscheinlich lieben sie dich von ganzem Herzen“, sagte ich. „Aber die Zeiten von Herr und Diener werden bald vorüber sein. Amerika zeigt immer deutlicher, wie sehr ihm der Kolonialismus missfällt. Die Welt hat begonnen, jeden noch so zarten Pulsschlag des Wandels, der hier zu verzeichnen ist, zu beobachten. Und unsere Jahrhunderte währende Präsenz als Herrscher über dieses Land oder vielmehr als nimmersatte Blutsauger macht unsere Verhandlungsposition nicht gerade besser. Ich denke, Niederländisch-Indien ist nicht mehr zurückzugewinnen, ganz gleich wie erbittert wir darum kämpfen, das Land den Händen der einheimischen Nationalisten zu entreißen.“

„Wenn das Feuer der Revolution einmal entfacht ist, kann es niemand mehr aufhalten“, Geertje hielt im Tastenschlag ihrer Finger inne. „Sie wollen einfach ihre Autonomie, wie mein Vater stets zu sagen pflegte. Mein Vater verehrte Henk Sneevliet. Er war bereit, seine Privilegien, die er hier genossen hatte, zu verlieren. Ich selbst bin Lehrerin an einer Schule für einheimische Kinder. Ich bin unter Einheimischen geboren und aufgewachsen. Als die Japaner an die Macht kamen, ist mir bewusst geworden, dass Niederländisch-Indien mit all seinem aristokratischen Gehabe an sein Ende gelangt ist. Ich muss den Mut aufbringen, dem Land Lebewohl zu sagen. Aber was auch immer das Schicksal letzten Endes für mich bereithalten mag, ich werde hier bleiben. Nicht als eine der „Herrschenden“, wie du es vorhin nanntest. Wer weiß, was ich sein werde. Die Japaner haben uns eine Lektion erteilt, wie bitter es ist, anderen zu dienen.

Nachdem wir früher all die Zeit im Wohlstand gelebt haben, wäre es da nicht beschämend, ausgerechnet dann die Flucht zu ergreifen, wenn die Menschen hier unseren Beistand benötigen?“

„Die Menschen…“, ich beendete den Satz nicht. Einen Augenblick lang herrschte Schweigen.

„Es gibt diese Geschichte“, sagte ich endlich und schöpfte Atem. „Ein Jäger findet ein Tigerjunges, er zieht das Tier liebevoll auf. Es wird zahm. Es isst und schläft gemeinsam mit dem Jäger, bis es ausgewachsen ist. Es bekommt niemals Fleisch zu fressen. Eines Tages aber schneidet der Jäger sich am Futternapf des Tigers. Blut fließt von seiner Hand.“

„Der Tiger leckt von dem Blut, wird wild und fällt den Jäger an“, unterbrach mich Geertje. „Du versucht mir wohl damit zu sagen, dass mich eines Tages Einheimische hinterrücks erstechen werden. Ist es nicht so?“

„Wir befinden uns in Zeiten eines gewaltigen Umbruchs, er erfasst die ganze Welt“, erwiderte ich. „Ganze Wertegefüge verschieben sich. Nach Jahrhunderten wird uns jetzt bewusst, dass dieses Land nicht unser Vaterland ist. Zum dritten Mal bitte ich dich, geh von hier fort, solange du es noch kannst.“

„Soll ich etwa in die Niederlande?“ Geertje schloss den Klavierdeckel. „Ich weiß nicht einmal, wo dieses Land meiner Vorfahren überhaupt liegt.“

„In dem Ort, aus dem ich komme, in Zundert, gibt es ein paar Häuser zu erschwinglichen Mietpreisen. Dort könntest du wohnen, wenigstens solange du auf Neuigkeiten von deinem Vater wartest.“

„Danke“, sagte Geertje lächelnd. „Aber du weißt ja, wo ich leben will.“

So hatte Geertjes Antwort vor inzwischen mehreren Monaten gelautet. Ich sah sie danach noch zwei Male wieder. Das eine Mal setzten wir in ihrem Haus neue Fenster ein und das andere Mal begleitete ich sie zum Markt. Danach hatte ich mich in die Arbeit gestürzt. Auch Geertje schien mit nichts anderem beschäftigt zu sein als mit der Instandsetzung ihres Hauses. Da war kaum anzunehmen, dass sich zwischen uns auch nur ein Funke von Leidenschaft entfachen würde.

Dann kam die seit langem befürchtete Meldung über die bewaffneten Kämpfe in der vergangenen Nacht. Diese weiteten sich auf mehrere Stadtviertel Batavias, von Meester Cornelis bis nach Kramat, aus. Einheiten von jungen Aufständischen hatten in einer konzertierten Aktion eine flächendeckende Offensive in verschiedenen Vierteln unternommen.

In der Nähe von Senen-Gunung Sahari war es ihnen gelungen, einen Panzer der NICA fahruntüchtig zu machen. Ich machte mir große Sorgen um Geertje. Am besten würde es sein, sie aus ihrem Haus zu holen. Sie konnte vorerst bei uns wohnen. Ich hoffte nur, diesmal würde sie nicht ablehnen. Schurck war zu diesem Zeitpunkt nicht in der Stadt, daher konnte ich mir sein Motorrad nicht ausleihen.

Zum Glück war jemand vom Hotel bereit, mir, wenn auch völlig überteuert, ein Auto mit Fahrer zu vermieten.

„Ist es das Haus dort vorne?“, erklang Dullahs Stimme und holte mich zurück in das heiße Wageninnere des Chevrolets.

„Richtig. Warte hier!“, beunruhigt sprang ich aus dem Wagen.

Vor Geertjes Haus standen ein paar NICA-Soldaten in Bereitschaft. Einige andere marschierten im Hinterhof des Hauses auf und ab. Die Veranda war beschädigt. Die Vordertür lag auf dem Boden, von Kugeln durchsiebt. In Fußboden und Wänden klafften schwarz umränderte Löcher, – eine Granate musste hier detoniert sein.

„Entschuldigung, ich bin Journalist!“, rief ich und hielt, während ich mir einen Weg durch die Menge hindurch bahnte, meinen Presseausweis in die Höhe. Ich blickte mich aufmerksam um. Mit gemischten Gefühlen betrat ich jedes Zimmer, als erwartete ich, jeden Augenblick Geertjes Leiche in einer Blutlache liegend vorzufinden. Dieser schreckliche Anblick blieb mir erspart. Ein Soldat kam auf mich zu, er schien der Kommandant zu sein. Ich hielt ihm meinen Ausweis entgegen.

„Was ist hier passiert, Sergeant… Zwart?“, fragte ich ihn und las den Namen vom Aufnäher an seiner Uniform ab.

„Ist das bei einem der Angriffe in der letzten Nacht passiert? Wo sind die Bewohner dieses Hauses?“

„Wir waren das, wir haben das Haus gestürmt. Seine Bewohner sind geflohen. Sind Sie Journalist? So ein günstiger Zufall. Wir werden die Nachricht von dieser Sache verbreiten, als Warnung an alle.“ Sergeant Zwart forderte mich auf, ihm in die Küche zu folgen. „Hier haben sich die Aufständischen getroffen“, erklärte er. „Hier fand sich jede Menge Propagandamaterial, das sich gegen NICA richtet.“

„Entschuldigen Sie, soweit ich weiß, gehört das Haus einer Niederländerin, Nona Geertje.“

„Sie kennen sie? In diesem Fall werden wir einige Fragen an Sie haben. Es besteht der Verdacht, dass Nona Geertje die Seiten gewechselt hat. Ihre möglichen Aliasnamen „Zamrud Khatulistiwa“ (Smaragd des Aquators) oder „Ibu Pertiwi“ (Mutterland), die wir in letzter Zeit immer wieder im Funkverkehr des Untergrunds aufgegriffen haben, lassen sich vermutlich ihr zuordnen.“

Geertje? Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Ich wollte widersprechen. Sergeant Zwart aber war bereits damit beschäftigt, eine große, in der Erde neben dem Schuppen eingelassene Türe anzuheben und sie zu öffnen. Ein Bunker.

Bei meinen Besuchen bei Geertje hatte sich dieser Zugang meiner Aufmerksamkeit völlig entzogen. Ich folgte Sergeant Zwart die Stufen hinab.

An sich war ein solcher Bunker nichts Außergewöhnliches. Nicht selten besaßen wohlhabende Niederländer einen gesonderten Raum, in dem sie Schutz vor allem bei Luftangriffen suchten. Dieser Raum hier war etwa vier Quadrat-meter groß und feucht. Darin standen ein langer Tisch, ein paar Stuhle sowie ein schäbiger Schrank gefüllt mit Kochgeschirr und einigen Stapeln Papier. Und tatsächlich, das Papier enthielt Anti-NICA-Propaganda.

Sergeant Zwart schob eine Abdeckung aus Stoff von einem Objekt, das hinter dem Schrank stand. Ein Funksender! „Eine Hinterlassenschaft der Japaner“, erklärte er.

Ich war sprachlos. Ich konnte das alles nicht glauben. Doch was mir wirklich das Blut in den Adern gefrieren ließ, war der Anblick an der Wand zu meiner Linken. An dieser mit Schimmel überzogenen Wand war eine Kombination aus Waschbecken und Spiegel angebracht. Auf der Oberfläche des Spiegelglases war mit einem Lippenstift und offenbar in Eile eine Zeile geschrieben worden: „Lebewohl, Hindia! Willkommen Republik Indonesien!“

Ich stellte mir Geertje mit ihren Grübchen vor, wie sie inmitten eines Reisfeldes saß und gemeinsam mit den Menschen, die sie liebte, sang: „Dies ist mein Land. Dies ist mein Haus. Was immer das Schicksal für mich bereit hält, ich werde bleiben.“

Von Anfang an hatte Geertje gewusst, wo sie zu stehen hatte. Langsam löschte ich das Wort „Verräter“ aus meinen Gedanken, das sich darin vorhin kurz niedergelassen hatte.

Jakarta, 12. Oktober 2012

aus: Iksaka Banu: Alles für Hindia! Gossenberg, Ostasien-Verlag 2020.

© Ostasien-Verlag, Iksaka Banu, Sabine Müller

Iksaka Banu: Selamat Tinggal Hindia

Chevrolet tua yang kutumpangi semakin melambat, sebelum akhirnya berhenti di muka barikade bambu yang dipasang melintang di ujung jalan Noordwijk. Sebentar kemudian, seperti sebuah mimpi buruk, dari sebelah kiri bangunan muncul beberapa orang pria berambut panjang dengan ikat kepala merah putih dan aneka seragam lusuh, menodongkan senapan.

“Laskar,” gumam Dullah, supirku.

“Pastikan mereka melihat tanda pengenal wartawan itu,” bisikku.

Dullah menunjuk kertas di kaca depan mobil. Salah seorang penghadang melongok melalui jendela.

“Ke mana?” tanya orang itu. Ia berpeci hitam. Kumisnya lebat, membelah wajah. Sepasang matanya menebar ancaman.

“Merdeka, Pak! Ke Gunung Sahari. Ini wartawan. Orang baik,” Dullah, dengan raut muka dibuat setenang mungkin, mengarahkan ibu jarinya kepadaku.

“Turun dulu baru bicara, sontoloyo!” bentak si kumis sambil memukul bagian depan mobil. “Suruh Londo itu turun juga!” sambungnya.

Tergesa, Dullah dan aku menuruti perintahnya. Dibantu beberapa rekannya, si kumis menggeledah seluruh tubuh kami. Sebungkus rokok Davros yang baru kunikmati sebatang segera berpindah ke saku bajunya. Demikian pula beberapa lembar uang militer Jepang di dalam dompet. Seorang laskar lain masuk ke dalam mobil, memeriksa laci, lalu duduk di kursi sopir. Memutar-mutar roda kemudi seperti seorang anak kecil.

“Martinus Witkerk. De Telegraaf,” si kumis membaca surat tugas, lantas menoleh kepadaku. “Belanda?”

“Tidak bisa bahasa Melayu, asli dari sana,” sergah Dullah. Tentu saja ia berdusta.

“Aku tanya dia, bukan kamu. Sompret!” si komandan menampar pipi Dullah. “Teman-temanmu mati kena peluru, kamu ikut penjajah. Sana, minggat!” ia mengembalikan dompetku sambil menikmati rokok rampasannya.

“Terima kasih, Dullah,” kataku beberapa saat setelah kendaraan kembali melaju. “Kamu baik-baik saja?”

“Tak apa, Tuan. Begitulah sebagian dari mereka. Mengaku pejuang, tapi masuk-keluar rumah penduduk, minta makanan atau uang. Sering juga mengganggu perempuan,” sahut Dullah. “Untung saya yang mengemudi.  Bila Tuan Schurck yang pegang, saya rasa tuan berdua tidak akan selamat. Mereka suka menghabisi orang Eropa yang mudah marah seperti Tuan Schurck. Tidak peduli wartawan.”

“Jan Schurck memang pandai membahayakan diri,” aku tersenyum. “Itu sebabnya majalah Life memberinya gaji tinggi.”

“Tuan yakin alamat si nona ini?”

“Ya, seberang Topografisch Bureau. Tidak mau pergi dari situ. Si kepala batu.”

Kepala batu. Maria Geertruida Welwillend.

Geertje! Ya, itu nama sebutannya.

Aku bertemu wanita itu di kamp internir Struiswijk, tak lama setelah pengumuman resmi takluknya Jepang kepada Sekutu.

Waktu itu di hotel Des Indes, yang sudah kembali ditangani oleh manajemen Belanda, aku dan beberapa rekan wartawan tengah membahas dampak sosial di Hindia seiring kekalahan Jepang.

“Proklamasi kemerdekaan serta lumpuhnya otoritas setempat membuat para pemuda pribumi kehilangan batas logika antara ‘berjuang’ dan ‘bertindak jahat’. Rasa benci turun-temurun terhadap orang kulit putih serta mereka yang dianggap kolaborator tiba-tiba seperti menemukan pelampiasannya di jalan-jalan lengang, di permukiman orang Eropa yang berbatasan langsung dengan kampung pribumi,” Jan Schurck melemparkan seonggok foto ke atas meja.

God Almachtig. Mayat-mayat ini seperti daging giling,” Hermanus Schrijven dari Utrechts Nieuwsblad membuat tanda salib setelah mengamati foto-foto itu. “Kabarnya, para jagal ini adalah jawara atau perampok yang direkrut menjadi tentara. Sebagian rampasan dibagikan kepada penduduk. Tapi kerap pula diambil sendiri.”

“Bandit patriot,” Jan mengangkat bahu. “Terjadi pula semasa Revolusi Prancis, Revoulsi Bolshevik, dan di antara para partisan Yugoslavia hari ini.”

“Anak-anak haram revolusi,” aku menimpali.

“Aku benci perang,” Hermanus membuang puntung rokoknya

“Warga Eropa tidak menyadari bahaya itu,” kataku. “Setelah lama menderita di kamp, tak ada lagi yang mereka inginkan kecuali selekasnya pulang. Mereka tak tahu, Si Jongos dan Si Kacung telah berubah menjadi pejuang.” 

“Kurasa banyak yang tidak mendengar maklumat dari Lord Mounbatten agar tetap tinggal di kamp sampai pasukan Sekutu datang,” Eddy Taylor, dari The Manchester Guardian, angkat bicara.

“Ya. Dan para komandan Jepang, yang sudah tidak memiliki semangat hidup sejak kekalahan mereka, cenderung membiarkan tawanannya minggat. Ini mengkhawatirkan,” Jan menyulut rokok, entah yang ke berapa.

“Bisa lebih buruk. Tanggal 15 September kemarin, pasukan Inggris tiba di Teluk Batavia,” aku menujuk peta di meja. “Sebuah cruiser Belanda yang menyertai pendaratan itu konon telah memicu keresahan kalangan militan di sini. Bagi mereka, hal itu seperti menguatkan dugaan bahwa Belanda akan kembali masuk Hindia.”

Well, ini di antara kita saja. Menurut kalian, apakah Belanda berniat kembali?” Eddy Taylor menatap Jan dan aku, ganti-berganti.

Mendadak pembicaraan terpotong teriakan Andrew Waller, wartawan Sydney Morning Herald, yang setia memantau perkembangan situasi melalui radio: “Menarik! Ini menarik! Para mantan tentara KNIL dan tentara Inggris pagi ini memindahkan para penghuni kamp Cideng dan Struiswijk.” 

Tanpa membuang waktu, kami semua berangkat pergi. Aku dan Jan memilih mengunjungi Kamp Tawanan Struiswijk.

Mayor Adachi, komandan Jepang yang kami temui, menyambut gembira upaya pemindahan massal ini.

“Patroli kami kerap menjumpai mayat orang Eropa yang melarikan diri dari kamp. Tercincang dalam karung  di tepi jalan,” katanya.

Aku mengangguk sembari mencatat. Tetapi sesungguhnya mataku terpaku pada Geertje yang berjalan santai menenteng koper. Bukan menuju rombongan truk, melainkan ke jalan Drukkerijweg, bersiap memilih becak.

“Hei, Martin!” teriak Jan Schruck. “Gadis itu melirikmu sejak tadi. Jangan tolak keberuntunganmu. Kejar!”

Aku memang mengejarnya, tetapi segera menerima kejutan besar.

“Aku tidak ikut,” Geertje menatapku tajam. “Truk-truk ini menuju Bandung. Ke tempat penampungan di Kapel Ursulin. Sebagian lagi ke Tanjung Priok. Aku harus pulang ke Gunung Sahari. Banyak yang harus kukerjakan,” katanya.

“Maksudmu, sebelum Jepang datang, engkau tinggal di Gunung Sahari, dan sekarang hendak kembali ke sana?” tanyaku.

“Ada yang salah?” Geertje balik bertanya.

“Ya. Salah waktu dan tempat. Pembunuhan terhadap orang kulit putih, Tionghoa, dan orang-orang yang dianggap kolaborator Belanda semakin menjadi. Mengapa ke sana?”

“Karena itu rumahku. Permisi,” Geertje membalikkan badan, menenteng kembali kopernya.

Aku tertegun. Dari jauh kulihat si keparat Jan menjungkirkan ibu jarinya ke bawah.

“Tunggu!” aku mengejar Geertje. “Biar kuantar.”

Kali ini Geertje tak menolak. Dan aku bersyukur, Jan bersedia meminjamkan motornya.

“Hati-hati sinyo satu ini, Nyonya,” Jan mengedipkan mata. “Di Nederland banyak wanita merana menunggu kedatangannya.”

“Begitukah? Panggil ‘nona’, atau sebut namaku saja,” sahut Geertje.

“Oh, kalau begitu panggil aku Jan.”

“Dan ini Martin,” aku menebah dada. “Apakah kau tak ingin membuang bakiak kamp itu?” tanyaku sambil melirik kaki Geertje. ”Bukankah para tentara di sana menyediakan sepatu untuk wanita dan anak-anak? Mereka juga membagikan gincu dan bedak. Kalian akan kembali rupawan.”

“Belum terbiasa bersepatu lagi, jadi kusimpan di koper. Di kamp, aku mahir berlari dengan bakiak,” Geertje tertawa, meletakkan tubuhnya di jok belakang.

Mijn God. Tawa renyah dan lesung pipinya. Betapa ganjil berpadu dengan sepasang alis curam itu. Wajah yang sarat teka-teki. Apakah wanita ini masih memiliki keluarga? Suami? Tapi tadi ia minta dipanggil ‘nona’.

“Gunung Sahari sering dilewati Batalyon 10. Mereka menjaga permukiman Eropa. Tetapi tentu saja tak ada yang tahu, kapan serangan datang. Coba pikirkan usulku tadi,” dari kaca spion, kutengok Geertje. Ia tampak ingin mengatakan sesuatu, tetapi suara motor Jan teramat bising. Akhirnya kami membisu saja sepanjang perjalanan.

Di perempatan Kwitang aku meliuk ke kanan, meninggalkan iringan truk berisi wanita dan anak-anak di belakangku. Ah, anak-anak itu. Riuh bertepuk tangan, menyanyikan lagu-lagu gembira. Tidak menyadari bahwa kemungkinan besar tanah Hindia, tempat mereka lahir, sebentar lagi tinggal kenangan.

“Depan empang itu,” Geertje melambai.

Aku membelokkan sepeda motor. Rumah besar itu terlihat menyedihkan. Dindingnya kotor. Kaca jendela pecah di sana-sini. Anehnya, rumput pekarangan tampak seperti belum lama dipangkas.

“Sebentar!” kuraih lengan Geertje saat ia ingin berlari ke teras.  Dari tas di belakang motor, kukeluarkan belati yang tadi dipinjamkan oleh Jan. Kudorong pintu depan. Terkunci.

“Masih ingin masuk?” tanyaku.

“Ya,” jawab Geertje. “Singkirkan belatimu. Biar aku yang mengetuk. Semoga rumah ini belum diambil alih keluarga Eropa lain.”

“Atau oleh laskar,” sahutku.

Geertje mengetuk beberapa kali. Tak ada jawaban. Kami berputar ke belakang. Pintunya terbuka sedikit. Saat hendak masuk, terdengar langkah kaki dari kebun. Seorang wanita pribumi. Mungkin berusia lima puluh tahun.

“Nona!” wanita itu meraung, memeluk kaki Geertje.

Geertje menarik bahu si wanita agar berdiri.

“Jepang sudah kalah. Aku pulang, Iyah. Mana suamimu? Apakah selama ini engkau tinggal di sini?” tanya Geertje. “Ini Tuan Witkerk, teman saya. Martin, ini Iyah. Pengurus rumah tangga kami.”

Iyah membungkuk kepadaku, lalu kembali menoleh kepada Geertje.

“Setelah terakhir menengok Nona, rumah ini diambil Jepang. Tempat tinggal para perwira. Saya memasak untuk mereka. Tidak boleh pergi. Itulah sebabnya saya tidak bisa menengok Nona,” Iyah kembali terisak. “Mana Tuan, Ibu, dan Sinyo Robert?”

“Mama meninggal bulan lalu. Kolera,” Geertje mendorong pintu lebih lebar, lalu masuk rumah. Aku dan Iyah menyusul. “Papa dan Robert dikirim ke Burma. Sudah kuminta komandan kamp mencari berita tentang mereka,” lanjut Geertje.

“Barang berharga disita. Foto-foto di dinding musnah. Diganti bendera Jepang. Tapi belum lama ini mereka buru-buru pergi. Entah ke mana. Banyak barang tidak dibawa,” kata Iyah. “Saya ambil alat-alat masak dulu di gubuk. Sekalian ajak suami ke sini. Sejak jadi koki Jepang, saya pindah ke gubuk belakang. Setelah mereka pergi, saya tetap tidak berani tinggal di sini. Tapi setiap ada kesempatan, pasti menengok, membersihkan yang perlu.”

“Ajak suamimu. Kita bangun rumah ini. Kalau bank sudah berjalan normal, mungkin aku bisa mengambil sedikit simpanan,” Geertje membiarkan Iyah berlari ke luar, lalu meneruskan memeriksa rumah. Meja-kursi tersisa beberapa, juga lemari. Tetapi tak ada isinya. Sebuah kejutan kami temukan di ruang keluarga: piano hitam yang anggun. Cukup mengherankan, Jepang tidak menyita atau merusaknya. Mungkin dulu dipakai sebagai hiburan.

Geertje meniup debu tipis, membuka penutup tuts. Sepotong irama riang menjelajahi ruangan.

“Lagu rakyat?” tanyaku.

“Si Patoka’an,” Geertje mengangguk, lalu bersenandung menimpali ketukan tuts.

“Engkau menyatu dengan alam dan penduduk di sini. Mereka juga menyukaimu. Mungkin mencintaimu setulus hati,” kataku. “Tapi zaman ‘tuan’ dan ‘babu’ ini akan segera berakhir. Amerika semakin memperlihatkan ketidaksukaan mereka akan kolonialisme. Dunia luar juga mulai mengawasi setiap denyut perubahan yang terjadi di sini. Dan kehadiran kita selama beberapa ratus tahun sebagai penguasa negeri ini, bahkan makan jantung negeri ini, semakin memperburuk posisi tawar kita. Kurasa Hindia Belanda tak mungkin kembali, sekeras apapun upaya kita merebut dari tangan para nasionalis bumiputra ini.”

“Bila api revolusi telah berkobar, tak ada yang bisa menahan,” Geertje menghentikan laju jemarinya di atas tuts. “Mereka hanya ingin mandiri, seperti kata ayahku dulu. Ayah pengagum Sneevlit. Ia siap kehilangan hak-hak istimewanya di sini. Aku sendiri seorang guru sekolah bumiputra. Lahir, besar di tengah para bumiputra. Saat Jepang berkuasa, kusadari bahwa Hindia Belanda bersama segala keningratannya telah usai. Aku harus berani mengucapkan selamat tinggal kepadanya. Dan apapun yang ada di ujung nasib, aku akan tetap tinggal di sini. Bukan sebagai ‘penguasa’, seperti istilahmu. Entah sebagai apa. Jepang telah memberi pelajaran, pahitnya menjadi jongos atau babu. Setelah kemarin hidup makmur, bukankah memalukan lari di saat orang-orang ini butuh bimbingan kita? ”

“Orang-orang itu…” aku tidak meneruskan kalimat.  Sunyi sesaat.

“Konon, seorang pemburu menemukan bayi harimau,” akhirnya aku menghela napas. “Dirawatnya hewan itu penuh kasih. Ia menjadi jinak. Makan-tidur bersama si pemburu hingga dewasa. Tak pernah diberi daging. Suatu hari, tangan si pemburu tergores piring kaleng milik si harimau. Darah mengucur.”

“Si harimau menjilati darah itu, menjadi buas, lalu menerkam si pemburu,” potong Geertje. “Engkau mencoba mengatakan bahwa suatu saat para bumiputra akan menikamku dari belakang. Betul?”

“Kita ada di tengah pergolakan besar dunia. Nilai-nilai bergeser. Setelah berabad, kita menyadari tanah ini bukan Ibu Pertiwi kita,” jawabku. “Untuk ketigakalinya kuminta, pergilah selagi bisa.”

“Ke Belanda?” Geertje menurunkan tutup piano. “Aku bahkan tak tahu, di mana letak negara nenek moyangku itu.”

“Di kampung halamanku, di Zundert, ada beberapa rumah kontrakan dengan harga terjangkau. Sambil menunggu kabar tentang ayahmu, kau bisa tinggal di sana.”

“Terima kasih,“ Geertje tersenyum. “Kau sudah tahu di mana aku ingin tinggal.”

Itu jawaban Geertje beberapa bulan lalu. Sempat dua kali aku menemuinya kembali. Memasang kaca jendela, dan mengantarnya ke pasar. Setelah itu, aku tenggelam dalam pekerjaan. Geertje juga tak memikirkan hal lain kecuali membangun rumah. Sulit mengharapkan percik asmara hadir di antara kami.

Lalu datanglah berita tentang pertempuran keras tadi malam, yang merambat dari Meester Cornelis sampai ke Kramat. Beberapa kesatuan pemuda melancarkan serangan besar-besaran ke pelbagai wilayah secara rapi dan terencana. Di sekitar Senen – Gunung Sahari, sebuah tank NICA bahkan berhasil dlumpuhkan.

Aku mengkhawatirkan Geertje. Sebaiknya wanita itu kujemput saja. Biarlah ia tinggal bersama kami sementara waktu. Semoga ia tidak menolak. Schurck sedang ke luar kota. Tak bisa meminjam motornya. Untunglah, meski agak mahal, pihak hotel bersedia menyewakan mobil berikut sopirnya.

“Di depan itu, Tuan?” suara Dullah membawa diriku kembali berada di dalam kabin Chevrolet yang panas ini.

“Betul. Tunggu sini,” aku melompat ke luar dengan cemas. Di muka rumah Geertje, beberapa tentara NICA berdiri dalam posisi siaga. Sebagian hilir-mudik di halaman belakang. Beranda rumah rusak. Pintu depan roboh, penuh lubang peluru. Lantai dan tembok pecah, menghitam, bekas ledakan granat.

“Permisi, wartawan!” sambil menerobos kerumunan, kuacungkan kartu pengenal. Mataku nyalang. Kumasuki setiap kamar dengan perasaan teraduk, seolah berharap melihat tubuh Geertje tergolek mandi darah di lantai. Tetapi tak kunjung kutemui pemandangan mengerikan semacam itu. Seorang tentara mendekat. Agaknya komandan mereka. Kusodorkan kartu pengenal.

“Apa yang terjadi, Sersan…Zwart?” tanyaku sambil melirik nama dada tentara itu. “Korban serangan tadi malam? Di mana penghuni rumah?”

“Kami yang menyerang. Penghuninya lari. Tuan seorang wartawan? Kebetulan sekali. Kita sebarkan berita ini, agar semua waspada,” Sersan Zwart mengajak berjalan ke arah dapur. “Ini tempat para pemberontak berkumpul. Banyak bahan propaganda anti NICA,” lanjutnya.

“Maaf,” aku menyela. “Setahuku rumah ini milik Nona Geertje, seorang warga Belanda.”

“Tuan kenal? Kami akan banyak bertanya nanti. Ada dugaan bahwa Nona Geertje alias ‘Zamrud Khatulistiwa’ alias ‘Ibu Pertiwi’, yaitu nama-nama yang sering kami tangkap dalam siaran radio gelap belakangan ini, telah berpindah haluan.”

Geertje? Aku ternganga, siap protes. namun Sersan Zwart terlalu sibuk menarik pintu besar yang terletak di tanah, dekat gudang. Sebuah bunker. Luput dari perhatianku saat mengunjungi Geertje tempo hari. Kuikuti Sersan menuruni tangga.

Tak ada yang aneh. Warga Belanda yang sejahtera biasanya memiliki ruangan semacam ini. Tempat berlindung saat terjadi serangan udara di awal perang kemarin. Sebuah ruangan lembab, kira-kira empat meter persegi. Ada meja panjang, kursi, serta lemari usang berisi peralatan makan dan tumpukan kertas. Benar, kertas itu berisi propaganda anti NICA.

Sersan Zwart membuka kain selubung sebuah obyek di balik lemari. Pemancar radio!

“Warisan Jepang,” kata Sersan.

Aku membisu. Sulit mempercayai ini semua. Tetapi yang membuat tubuhku membeku sesungguhnya adalah pemandangan di dinding sebelah kiri. Pada dinding lapuk itu, tergantung satu set wastafel lengkap dengan cermin. Di atas permukaan cermin, tampak sederetan tulisan. Digores bergegas, menggunakan pemerah bibir: ‘Selamat tinggal Hindia Belanda. Selamat datang Repoeblik Indonesia’.

Aku membayangkan Geertje dan lesung pipinya, duduk di tengah hamparan sawah, bernyanyi bersama orang-orang yang ia cintai: “Ini tanahku. Ini rumahku. Apapun yang ada di ujung nasib, aku tetap tinggal di sini.”

Sejak awal Geertje tahu di mana harus berpijak. Perlahan-lahan kuhapus kata ‘pengkhianat’ yang tadi sempat hinggap di benak.

                                                                                   Jakarta, 12 Oktober 2012

Sumber: Iksaka Banu: Semua untuk Hindia! Jakarta, Kepustakaan Populer Gramedia, 2014; © Kepustakaan Populer Gramedia, Iksaka Banu

Rio Johan: Amananunnas Schrift

Monate waren vergangen, seitdem Gott die Sprachverwirrung geschickt hatte und Amananunna hatte seine Sprache noch nicht gefunden. Es war, als laste ein Fluch auf seiner Schicksalslinie. Woche um Woche wanderte er um den Fuß des großen Zikkurat-Turms von König Nimrod, dem Auslöser von Gottes Zorn. Er strengte seine Ohren an, bemühte sich redlich, die Laute aus den Mündern der ihn umgebenen Menschen wahrzunehmen. Nicht die Bedeutung eines einzigen Lautes erschloss sich ihm. Eine Sprache war völlig anders als die des nächsten Vorübergehenden. Oft nahm er nur Strukturen wahr, die er weder begreifen noch nachsprechen konnte. Alles klang nur wie unkoordinierter Lärm, der eher störend wirkte, verstörend, da es für Amananunna keinen Sinn ergab. Voller Ärger versetzte er dem Fuß des Zikkurat-Turms, Symbol für die Hybris König Nimrods, einen Tritt. Drei Wochen blieb er im Lande Babylon, doch nicht eine Sprache der Menschen hier klang seinem Ohr vertraut. Er wunderte sich jedoch, dass die Leute in seiner Umgebung ihre Sprachen weiterhin eifrig benutzten, obwohl niemand sicher sein konnte, ob der Nachbar die eigene Sprache verstand. Er fragte sich, wie es sein könne, dass er offensichtlich der einzige Mensch war, dessen Ohr und Mund sich nicht in Harmonie mit auch nur einem einzigen anderen Menschen dieser Gegend befand. Einmal wollte er sein Sprachvermögen testen, versuchte am Rande des Marktes die Worte eines eloquenten Marktleiters nachzusprechen. Das Ergebnis war ernüchternd. Der Marktleiter verstand nicht, was er sagte. Dessen Antwort wiederum ergab für Amannunna keinen Sinn. Schließlich beschloss Amananunna auf Wanderschaft zu gehen, in der Hoffnung eine Sprache zu finden, die mit seinem Mund und seinem Ohr im Einklang war. Er durchquerte Wüstengebiete und bezwang eine Reihe von Bergen. Das Land der Lullubi. Die Stadt Hamazi. Uri-ki. Susin. Schubur. Er erreichte das Land der Mar-tu. Dilmun. Er gelangte sogar zu den namenlosen Stämmen im Land Anshan. Hunger und Erschöpfung musste er durchstehen. Manchmal, wenn ihm das Schicksal wohlgesonnen war, bekam er ein Stück Wild oder süßes Gebäck von freundlichen Nomaden, auf die er traf – mit ihnen kommunizierte er unter Zuhilfenahme seiner Körpersprache, nicht etwa seines Mundes. Denn die Forderungen seines Magens duldeten keinen Aufschub mehr: Einmal hatte er in seiner Not schon Gras vom Wegesrand gegessen, ein Wüstenreptil, sogar Kadaver, die noch einen essbaren Eindruck machten. All dies nahm Amananunna auf sich in der Hoffnung, seine Sprache wiederzufinden. Doch nicht eine der Sprachen, auf die er traf, harmonisierte mit seinem Ohr. Sein Ohr fühlte sich verflucht, weil es nicht mehr die Macht besaß Worte wahrzunehmen. Er war doch nicht taub. Einige Leute hatten ihn auch schon für taub gehalten. Seine Ohren konnten zwar Laute wahrnehmen, aber keine Wörter. Andere bezeichneten ihn als einen Idioten. Ein weiteres Mal war er von einem Stamm, der am Fuße eines Berges wohnte, vertrieben worden, weil sie glaubten, er bringe Unglück. Trotz alledem setzte er seine Wanderschaft fort. Er ging immer weiter auf der Suche nach seiner Sprache. Das Land Schinar hatte er bereits hinter sich gelassen. Als er wenig später die Gelegenheit erhielt, auf einem Fischerboot mitgenommen zu werden, war seine Fähigkeit, sich mit Gebärden auszudrücken, durch die Erfahrung schon gut geschult – und die großen, zwischen den Booten ausgebreiteten Netze spendeten dem Wasser Schatten. Er erreichte die Städte Eridu. Uruk. Ur. Samarra. Den Fluss Tigris. Und schließlich die Länder am Mittelmeer. Er wusste nicht, wie lange er schon unterwegs war. Er wusste nicht, bis wohin er inzwischen vorgedrungen war, fühlte sich ausgelaugt. Da setzte er sich auf einen Stein in einer Gegend, von der er keine Vorstellung hatte. Eine steile Schlucht tat sich vor ihm auf. Ärgerlicherweise öffnete sich die Schlucht zur falschen Seite, so dass sie seinem Körper keinen Schutz vor der stechenden Hitze des Tages gab. Der Schweiß brach aus ihm heraus, strömte von seiner Stirn herab; einige Tropfen, die auf seinen Lippen Halt machten, schluckte er absichtlich hinunter, andere ließ er auf die heiße trockene Erde tropfen. Irgendwie spürte er das Geräusch der den Boden berührenden Schweißtropfen. Es klang wie eine Art Gähnen in seinem Ohr. Plötzlich entwich seinem Gehörgang heiße Luft  – und flüsterte! Sprache! In der nächsten Sekunde gelangte er wieder zu Bewusstsein. Sein Körper lag ausgestreckt auf dem unfruchtbaren Land. Die stechenden Sonnenstrahlen trafen noch immer auf seine schon glühenden Wangen. Die Sandkörner drangen in die Poren seines Gesichtes ein. Zum ersten Mal fühlte er eine Art von Erleuchtung. Amananunna fasste einen Entschluss: er würde eine eigene Sprache schaffen.

Mit diesem neuen Ziel setze er seine Wanderschaft fort. Er erfand eigene Wörter, inspiriert von dem, was er sah und hörte. Nicht selten schuf er ganz plötzlich ein neues Wort. Ein andermal nahm er ein Wort, das er irgendwo aufgeschnappt, aber nicht verstanden hatte, experimentierte ein bisschen mit dem Klang und machte es in abgewandelter Form zu einem Wort seiner eigenen Sprache. Er wanderte von Stadt zu Stadt, von Volk zu Volk, von Land zu Land, nicht nur um seine Sprache weiterzuentwickeln, sondern auch um seinen mündlichen Wortschatz zu verbreiten. Denn was für einen Sinn hätte eine Sprache, wenn er der Einzige wäre, der sie spräche. Doch wie hätte Amananunna dies bewerkstelligen sollen? Er war doch nur ein armer, unglücklicher Wanderer inmitten eines Dschungels fremder Sprachen, die schon ihre Berechtigung erlangt hatten. Die Leute, denen er seine Sprache anzubieten versuchte, hielten ihn entweder für verrückt oder dumm. Niemand schenkte ihm Beachtung, nahm ihn ernst. Wie konnte er seine Sprache in diesem Wald von ihm unverständlichen Sprachen verbreiten? Im fehlte die göttliche Macht dazu. Amananunna versank in tiefes Nachdenken. Amananunna begann am Rande eines Flusses in der Nähe einer Stammessiedlung darüber zu meditieren. Er betrachtete die Strömung des Flusses und die Sonnenstrahlen, die in die Wellen des Flusses eintauchten. Die Reflexion seines Gesichtes wippte auf und ab. Nur sein Schatten blieb unverändert. Neben dem Schatten eines anderen Menschen. Ein anderer Mensch! Neben ihm stand eine Frau! Wirklich, noch nie hatte er einen solchen Liebreiz gesehen! Die attraktive Gestalt war in schneeweißen Stoff gehüllt; ihr welliges Haar reichte ihr bis zur Hüfte. Sie lächelte für einen Moment und ihre Augen begegneten sich. Die Frau war zum Fluss gekommen, um ihren Durst zu löschen. Wahrscheinlich war sie auch auf Wanderschaft. Mit einem Zweig ritzte Amananunna ein neues Schriftzeichen in die feuchte Erde: ↭. So entdeckte er das Wort für „Liebe”. Sie reagierte mit einem Lächeln und strahlte schließlich selbstvergessen über das ganze Gesicht. Kurz gesagt, Amananunna wurde seine Gefährtin auf der Wanderschaft. Und dieser Frau, deren Namen er nicht kannte, hatte er – entsprechend der von ihm geschaffenen Schrift und Sprache – den Namen Manatumanna gegeben und sie erwiderte seine Liebe. Er lehrte sie seine Schrift und Sprache. Aus Liebe verzichtete sie ohne Bedauern auf ihre bisherige Schrift und Sprache. Amananunna war überzeugt davon, dass sie ein göttliches Wunder war, eine Brücke für das Fortbestehen seiner Sprache. Während einer Rast auf ihrer Wanderschaft liebten die beiden sich im segensreichen Schutz von Inanna – der Göttin der romantischen Liebe und der Fruchtbarkeit. Nach der ein oder anderen Ruhepause barg Manatumanna etwas in sich, was ihr Nachwuchs werden würde. Amananunnas Freude darüber war übergroß. Er hatte den Fortführer seiner Sprache schon vor Augen. Wegen dieser Aussichten ließen die beiden sich im Dorf eines Stammes nieder, dessen Namen sie nicht auszusprechen vermochten. Viele Wochen später war die Zeit der Geburt gekommen. Sie gaben ihrem Sohn den Namen Ilanumanna, entsprechend der Schrift und Sprache Amananunna. Einige Wochen später setzten sie ihre Wanderung mit dem neuen Familienmitglied fort. Von Stadt zu Stadt, von Volk zu Volk, von Land zu Land. Ab und zu boten sie den Leuten, denen sie begegneten, ihre Sprache an, aber ohne Erfolg. Sie wussten nicht, wie lange sie schon umherzogen, wie viele Ruhepausen sie schon eingelegt hatten, wie viele Nächte sie den segensreichen Schutz von Inanna schon genossen hatten. Die beiden kümmerte es nicht, wenn sie hungrig oder erschöpft waren. Unterdessen wuchs Ilanumanna heran, wurde größer, stattlicher und schöner. Mit seinem Talent zur Jagd und mit seinem Körperbau übertraf er Amanannunna bei weitem. Auf Wunsch seines Vaters brachten die Eltern dem Jungen die Schrift und die Sprache Amananunnas bei und keine andere.

Nach einer unbestimmten Zeit beschenkte die Göttin Inanna sie mit einem zweiten Segen. Amananunnas zweiter Sohn kam zur Welt und erhielt den Namen Ilalumanna. Amananunna hegte für seinen zweiten Sohn ebensolche Hoffnungen wie für den Erstgeborenen. Leider ging diese Hoffnung zu weit. Ilalumanna war ein schwacher und kränklicher Junge. Anstatt sich an der Jagd zu beteiligen, half er seiner Mutter bei leichten Arbeiten. Zwei Gründe, das Bemühen um Sicherheit und Wohlergehen und die Angst vor dem Einfluss anderer Sprachen, veranlassten Amananunna zu dem Entschluss, seine eigene Siedlung zu gründen. Als Ort wählte er die Ebene am Rande der Schlucht, wo er die geflüsterte Eingebung gespürt hatte, eine neue Sprache zu schaffen. Nach seiner Erinnerung gab es dort in der Nähe einen Fluss und eine Wiese, die ihnen als Lebensquelle dienen würde. Nun wohnten sie schon einige Jahre dort, jagten, bauten Gemüse an, züchteten Kühe und Schafe. Doch es gab noch einen Gedanken, der Amananunna Sorgen bereitete: Nachwuchs. Die Fortführung ihrer Familie war für den Fortbestand der Sprache unerlässlich. Doch Inanna bedachte sie mit keinem weiteren Kindersegen. Er hatte keine Tochter, die einer seiner Söhne theoretisch hätte heiraten können. Sein eigener Körper war schon in die Jahre gekommen. Er spürte, dass er bald etwas unternehmen musste. Da befahl er seinem ältesten Sohn, der von Tag zu Tag männlicher und attraktiver wurde, sich in der nächsten Stadt eine Frau zu suchen. Ilanumanna war einverstanden und beeilte sich, den Auftrag seines Vaters zu erfüllen. Pech für Ilalumanna, dass er jetzt zusätzlich die Pflichten seines älteren Bruders übernehmen musste. Wochen, Monate, ich weiß nicht wie viel Zeit schon vergangen war, doch Ilanumanna brachte keine Verlobte nach Hause. Da reiste Amananunna in die Stadt, die Ilanumannas Ziel gewesen war, und musste dort feststellen, dass sein Sohn Schrift und Sprache des Vaters schon nicht mehr verstand. Ilanumanna hatte aus Liebe zu seiner Frau Schrift und Sprache seines Vaters aufgegeben. Amananunna konnte seine Enkel zwar betrachten, aber sein Wissen nicht an sie weitergeben. Sein Ohr und seine Zunge hatten innerhalb seiner eigenen Nachfahren die Kraft verloren. Amananunna kehrte ohne jede Hoffnung nach Hause zurück. Wegen der übermäßigen Aufgaben in Haus und Hof wurde der jüngere Sohn von Tag zu Tag schwächer und kränker. Amananunna konnte in seinen Jüngsten keine Hoffnung mehr setzen. Doch er wollte keinesfalls hinnehmen, dass die von ihm geschaffene Sprache einfach so verloren ging. Amananunna unternahm eine letzte Anstrengung. Der alte Mann ritzte die Buchstaben seiner Sprache in die Wände der Schlucht, in die Felsen, in Höhlenwände. Wenigstens würde er so die Spuren seines Schriftwerkes der Nachwelt hinterlassen.

Surakarta, 19 November 2012

Übersetzt aus: Rio Johan: Aksara Amananunna. Paperback, 240 Seiten; April 2014, Kepustakaan Populer Gramedia

© Rio Johan, Gudrun Ingratubun

Rio Johan: Aksara Amananunna

Berbulan-bulan setelah Tuhan mengacaukan bahasa, Amananunna belum pula menemukan bahasanya. Pemuda yatim piatu itu bagai punya kutuk dalam garis kismatnya. Berminggu-minggu dihabiskannya mengelilingi kaki ziggurat Raja Nimrod yang jadi biang amuk Tuhan, menajamkan telinga dan bersusah-payah menangkap bebunyian yang datang dari mulut-mulut manusia sekitar. Tidak satupun bunyi yang dia mengerti. Lidah yang satu dengan yang lainnya bisa berbeda sama sekali. Seringnya yang dia tangkap cuma suara-suara asing yang coraknya tak bisa dia kenali apalagi rumuskan. Semuanya seperti bunyi kacau yang justru mengganggu ketimbang mampu dimengertinya. Kesal, dia menendang basis ziggurat yang jadi perlambangan hubrisitas Raja Nimrod itu.

Tiga minggu dia bertahan di Tanah Babel, tapi tak satupun lidah manusia-manusianya yang bisa bersahabat dengan telinganya. Dia justru heran bagaimana manusia-manusia sekelilingnya bisa tetap bercakap-cakap sebab bahasa yang satu belum tentu sama dengan lainnya. Dia bertanya-tanya, bagaimana bisa cuma dia seorang yang tak punya keserasian lidah dan telinga dengan satu manusia manapun di penjuru kota ini. Pernah dia mencoba menguji lidahnya, mencoba-coba melafalkan apa yang baru saja keluar dari mulut seorang tetua bermulut besar di satu sisi pasar. Hasilnya sama saja. Yang keluar dari lidahnya tak bisa dimengerti tetua itu. Yang dibalas tetua itu pun tak bisa ditangkap oleh telinganya.

Akhirnya Amananunna memutuskan berkelana dengan harapan menemukan bahasa yang bisa berserasi dengan telinga juga lidahnya. Gurun-gemurun diarunginya, jajaran jejabalan ditalukannya. Tanah Lullubi. Kota Hamazi. Uri-ki. Susin. Shubur. Sampai ke tanah orang-orang Mar-tu. Dilmun. Bahkan suku-suku tanpa nama yang tinggal di Tanah Anshan. Lapar dan lelah harus dia tahan. Kadang-kadang, kalau mujur nasibnya, dia mendapat buruan atau sekedar penganan dari orang-orang nomad baik hati yang ditemuinyasekalipun untuk berkomunikasi, dia mesti menggunakan isyarat badan, bukan lisan. Tersebab tuntutan perutnya sudah tak bisa ditunda-tunda, pernah juga dia terpaksa makan rerumputan, reptil gurun pasir, juga bangkai yang dirasanya masih layak makan. Semua itu dilakukan Amananunna demi pencarian bahasa.

Namun, tidak satupun lidah yang dia temui bisa berserasi dengan telinganya. Telinganya serasa terlaknat sehingga tidak lagi punya kuasa menangkap kata-kata. Dia tidak tuli. Beberapa orang yang dia temui mengira dia tuli. Telinganya mampu menangkap suara-suara, tapi tidak kata-kata. Beberapa orang lagi malah menuduhnya idiot. Dia pernah duisir olah salah satu suku tribal penghuni kaki sebuah jabal karena dianggap membawa kemalangan. Betapapun, dia terus melangkah. Dia terus berkelana mencari bahasa. Hingga melampaui Tanah Sinar. Menumpang sekoci pemukat—beruntunglah keterampilan isyarat badannya sudah dilatih pengalaman—menaungi Laut Merah. Eridu. Uruk. Uru. Samarra. Sungai Tigris. Sampai Tanah Mediterania. Entah sudah berapa masa dia berkelana. Entah sudah sampai mana akhirnya dia merasa lelah. Dia terduduk di sepucuk batu di wilayah yang sama sekali tidak dia mengerti. Ngarai terjal berdiri gagah di hadapannya. Sialnya ngarai itu berpacak di sisi yang salah sehingga tubuhnya tak terlindung dari sengatan siang. Bercucurlah keringatnya, mengalir dari puncak kepala; beberapa bulir yang singgah di mulut sengaja ditelannya, beberapa lagi dibiarkan menitik pada tanah yang kering-panas. Entah bagaimana dia merasa mendengar bunyi bebuliran peluhnya menyuntuh muka tanah. Semacam bebunyian menguap di telinganya. Tahu-tahu ada hawa panas mengembusi liang telinganya—berbisik! Bahasa.

Detik selanjutnya dia siuman. Tubuhnya telah terkapar di tengah hamparan tanah tandus. Sengatan siang masih juga menampar-nampar kulit pipinya yang sudah begitu menyala-nyala. Pepasiran mengembus pori-pori kulit mukanya. Itu juga kali pertama dia merasa begitu tercerahkan. Amananunna memutuskan: dia akan merumuskan bahasanya sendiri.

Dia melanjutkan pengelanaan dengan tujuan baru. Dia menciptakan kata-katanya sendiri berdasarkan apa saja yang bisa dia dengar dan dia lihat. Tak jarang pula dia menciptakannya sepatah kata secara tiba-tiba. Dan, pernah pula dia menyadur dan mengutak-atik ucapan-ucapan manusia-manusia yang pernah ditangkapnya—yang sebetulnya dia tidak mengerti makna aslinya—menjadi bahasanya sendiri. Dia berkelana dari kota ke kota, suku ke suku, tanah ke tanah, selain untuk merumuskan bahasanya sendiri, juga untuk menyebarluaskan khazanah lisannya pada manusia-manusia lain. Sebab, apalah artinya merumuskan bahasa bila hanya dia sendiri penggunanya.

Namun, apadaya Amananunna yang jelaslah bukan siapa-siapa selain pengelana malang di tengah rimbunan bahasa-bahasa asing yang sudah duluan merajalela. Orang-orang yang ditawarinya berbahasa menggunakan bahasanya selalu menganggapnya gila atau idiot. Tak ada yang memedulikannya; tak ada yang menyeriusinya. Bagaimana pula dia bisa menyebarluaskan bahasanya di tengah rimbunan bahasa-bahasa yang telinganya sendiri tidak bisa memahami? Dia tak punya kuasa ilahiah untuk itu.

Amananunna perlu berpikir keras.

Maka, berpikirlah Amananunna di tepian sungai di dekat pemukiman suku-suku tribal. Dipandangnya erat arus-arus juga sinaran siang yang sudah merasuk ke dalam gelombang larung sungai. Pantulannya terombang-ambing. Cuma bayangannya yang menetap di sana. Menetap di dekat bayang-bayang manusia lain. Manusia lain! Ada perempuan di sampingnya! Sungguh, belum pernah dia menyaksikan keindahan yang seperti itu! Wujud indah itu dililit kain-kain bening; rambut ikalnya panjang sepinggang. Setipis senyum timbul manakala mendapati mata Amananunna menancap pada matanya.

Perempuan itu cuma menumpang minum. Barangkali dia juga pengelana. Dengan seranting kayu Amananunna mengukir suatu aksara baru pada tanah basah: ↭. Ketika itulah dia menemukan kata yang maknanya kurang lebih “cinta.” Senyum perempuan itu jadi tumpah-ruah.

Singkat cerita, Amananunna mendapat teman berkelana. Perempuan yang tidak dia ketahui namanya dan kelak dia beri nama Manatumanna—sesuai dengan aksara dan lafal lisan ciptaannya—juga merasa cinta pada dirinya. Perempuan itu diberi pengetahuan aksara dan bahasa Amananunna. Perempuan itu rela menanggalkan aksara dan bahasanya sendiri demi cintanya. Perempuan itu pulalah yang diyakini Amananunna sebagai mukjizat ilahiah, jembatan bagi keberlanjutan bahasanya. Pada pemberhentian tertentu, keduanya bercinta di bawah naungan restu Inanna—dewi asmara dan kesuburan. Entah pada pemberhentian keberapa Manatumanna mengandung bakal keturunan. Amananunna girang sejadi-jadinya. Bakal penerus bahasanya sudah di depan mata. Tersebab kondisi itu pula keduanya memutuskan menetap di sebuah pedusunan suku tribal yang tak pernah bisa mereka eja namanya.

Puluhan minggu berlalu dan tibalah masa kelahiran. Putranya diberi nama Ilanumanna, sesuai dengan aksara dan bahasa Amananunna. Beberapa minggu selanjutnya mereka sudah melanjutkan pengelanaan dengan satu tambahan anggota. Kota ke kota, suku ke suku, tanah ke tanah. Sambil sesekali mencoba menawarkan bahasa ke manusia-manusia yang mereka temui, walaupun hasilnya percuma. Entah sudah berapa masa mereka berkelana. Entah sudah berapa perhentian dan berapa malam bernaungan restu Inanna. Mereka tidak peduli lapar ataupun lelah. Seiring itu, Ilanumanna tumbuh besar, gagah, dan rupawan. Kepiawaiannya berburu serta kebugaran jasmaninya jauh melampaui Amananunna. Juga, sesuai dengan kehendak ayahandanya, pemuda itu tumbuh dalam aksara dan bahasa Amananunna, bukan yang lain.

Entah pada masa keberapa pula Dewi Inanna menjatuhkan restu kedua. Putra kedua Amananunna lahir dan diberi nama Ilalumanna. Harapan Amananunna pada si bungsu sama besarnya dengan si sulung. Sayang harapan itu terlalu muluk. Ilalumanna tumbuh sebagai lelaki lemah dan pesakitan. Ketimbang turut serta dalam perburuan, Ilalumanna malah membantu tugas ringan ibundanya. Karena dua alasan, tuntutan kesejahteraan dan ketakutan akan pengaruh bahasa-bahasa lain, Amananunna memutuskan untuk membentuk koloni sendiri. Tanah yang dipilihnya: tanah ngarai tempat dia pertama kali mendapati bisikan ilham untuk mencipta bahasa. Seingatnya, ada sungai dan sabana yang bisa jadi sumber hidup mereka tak jauh ngarai itu.

Bertahun-tahun mereka menetap, berburu, bercocok-tanam, juga menggembala sapi dan domba, masih ada satu pikiran yang mengusik Amananunna: keturunan. Keberlanjutan keturunan diperlukannya untuk melanjutkan tradisi lisan, tapi Inanna tak lagi memberi restu pada mereka. Dia tak punya anak perempuan yang bisa dikawinkan dengan putra-putranya. Tubuhnya sendiri sudah mulai tua dan renta. Dia merasa perlu mengambil langkah segera. Maka, diperintahkannya putra sulungnya, yang semakin hari semakin gagah nan rupawan, mengawini perempuan dari kota terdekat. Ilanumanna patuh dan bersicepat menjalankan tugas ayahandanya. Sial bagi Ilalumanna, sebab si bungsu itu jadi dibebani tugas-tugas kakandanya.

Berminggu-minggu, berbulan-bulan, entah sudah berapa masa, Ilanumanna tak juga pulang membawa pinangan. Ketika Amananunna mendatangi kota tempat putranya berlabuh, si putra sulung tidak lagi memahami aksara dan bahasa ayahandanya. Ilanumanna sudah menanggalkan aksara dan bahasa ayahandanya demi cintanya pada satu perempuan. Amananunna cuma bisa menyaksikan cucu-cucunya tanpa bisa menurunkan pengetahuan lisannya. Telinga dan lidahnya kehilangan kuasa di tengah keturunannya sendiri.

Amananunna pulang dengan harapan yang sudah lebur. Tersebab kerja berlebihan yang bagai tak tertanggungkan, putra bungsunya semakin hari semakin lemah dan pesakitan. Amananunna tak bisa melihat harapan pada si bungsu. Betapapun, dia tidak ingin aksara dan bahasa ciptaannya lenyap begitu saja. Amananunna menempuh cara terakhir. Pria renta itu mengukir aksara-aksara bahasanya di ceruk-ceruk ngarai, pada bebatuan besar, juga di dinding gua. Setidaknya, dengan cara itu dia bisa meninggalkan jejak ciptaannya.

Surakarta, 19 November 2012

Sumber: Rio Johan: Aksara Amananunna. Jakarta, KPG (Kepustakaan Populer Gramedia), 2014

© Rio Johan

Feby Indirani: Baby ingin masuk Islam

Sidang Majelis seketika riuh rendah karena suatu kabar yang dibawa Kyai Fikri, yaitu seekor babi bernama Baby menyatakan keinginannya  masuk Islam. Dari berbagai penjuru ruangan, ucapan ‘Astaghfirullah’ menggema, sebelum kemudian sejumlah tangan serentak terangkat  untuk meminta kesempatan mengutarakan pendapat, sedangkan sebagian peserta sidang lainnya bahkan tidak merasa perlu meminta ijin dan langsung saja bicara. Pimpinan sidang kewalahan dan akhirnya menghentikan sidang selama 30 menit.

Setelah itu, majelis memutuskan menyidang Kyai Fikri yang menjadi sumber berita kontroversial tersebut. 

Bagaimanapun menghadapi Kyai Fikri bukanlah sesuatu yang mudah, karena ia dikenal sebagai kyai yang disegani. Tubuhnya tidak tinggi, kurus dan cenderung tampak ringkih. Tapi tatapan matanya tajam dan jernih. Ia memiliki aura yang kuat, yang membuat orang akan segan kepadanya. Umurnya sulit ditebak jika hanya melihat penampilannya.  Ia tampak matang, dengan janggutnya yang pendek dan rapi, sekaligus kelihatan cukup muda secara keseluruhan karena sikap tubuhnya yang gesit. 

Ia mengucapkan salam dengan suaranya yang dalam, dan seluruh ruangan mendadak senyap.

“Baby menunjukkan kesungguhannya untuk masuk Islam, dan saya termasuk orang yang percaya, hidayah bisa mengubah dan menyentuh siapa saja. Jika kita meyakini Islam menjunjung nilai keadilan, saya rasa kita mesti memberikan Baby kesempatan. “

“Maaf Kyai,” ujar seorang peserta majelis. “Apakah itu berarti Baby akan mengubah perilaku-perilaku anehnya?”

“Aneh itu kan menurut kita, karena ia berbeda dengan kita. Baby akan tetap menjadi babi sesuai sunnatullah-nya. “

Bisik bisik memenuhi seisi ruangan. Seorang peserta muda mengangkat tangan. “Kyai, saya ingin tahu kenapa Kyai begitu membela Baby, tapi sebelumnya saya penasaran, bagaimana Kyai bisa ada hubungan dengannya? Bukankah ia makhluk haram?”

“Saya memelihara ternak, antara lain babi,” sahut Kyai Fikri tenang. “Haram untuk memakannya, tapi tidak untuk memeliharanya, kan?”

Ruangan kembali berisik. Kyai keblinger, bisik mereka.

“Mohon maaf Kyai, tapi untuk apa?”

“Saya memberi makan orang-orang di kampung-kampung yang kehidupannya sangat miskin. Hewan-hewan ternak lain terlalu mahal, sementara satu kali mengandung babi bisa memiliki 20 anak. Ia termasuk jenis binatang yang paling banyak memiliki keturunan. Itulah awalnya saya memutuskan memelihara babi.”

“Kenapa Kyai tega memberi makan orang-orang miskin dengan babi?”

“Mereka terlalu miskin, dan mereka bukan Islam. Terlalu mewah bicara agama dengan mereka, agama mereka mungkin hanya makanan, dan air bersih,” Kyai Fikri menyapukan pandangannya menatap wajah-wajah peserta majelis yang memandangnya tanpa berkedip.

“Saya sering menginap di kampung tersebut, bersama penduduk, tinggal di langgar kecil, tidak begitu jauh dari kandang babi. Saya sholat dan mengaji seperti di mana pun saya berada. Lalu suatu saat ketika saya keluar, ada seekor babi betina yang selalu memandangi saya, seperti menunggu. Seperti  selalu ingin mengatakan sesuatu. Babi itu sudah cukup tua, berusia 15 tahun dan tidak bisa beranak lagi. Karena seringnya ia melakukan itu, menunggu dan seperti ingin menyampaikan sesuatu, saya menamai dia Baby, dan dia tampak mengerti bahwa itu adalah nama yang saya berikan untuknya.”

Ia terdiam sesaat, mengambil nafas. “Atas ijin Allah, ia bisa menyampaikan keinginannya, dan saya bisa memahami maksudnya. Ia menyatakan ingin menjadi  pemeluk Islam di hari-hari akhir hidupnya.  Ia tahu akan segera mendapat giliran dipotong, dan ia ingin permintaannya dipenuhi. ”

Suasana ruangan mendadak kembali ingar bingar, karena begitu banyak peserta berbicara di saat yang sama. Saling debat, saling sanggah.

“Bagaimana mungkin seorang Kyai yang mulia  bisa bergaul dengan Baby? “

“Tidak akan kita biarkan! Seluruh hal tentang babi itu haram. Seluruh zatnya. Titik.“

 “Apa hak kita  melarang siapa pun masuk Islam? Katanya Islam itu rahmat bagi semesta alam?”

“Memangnya apa agama Baby sebelumnya? Kenapa dia ingin masuk Islam sekarang? “

“Kalau Anda melarang Baby masuk Islam, artinya Anda bersikap tidak adil. Dan itu adalah sikap yang dibenci Allah dan Rasul-Nya.”

“Tapi apa kita semua mau satu agama dengan Baby? Itu kan menurunkan derajat kemanusiaan kita.”

“Tubuh kita dan Baby itu sangat mirip. DNA kita hanya berbeda tiga persen dari mereka, jadi sesungguhnya kita lebih dekat dengan mereka daripada yang kita bayangkan.”

“Lantas kemudian dia jadi boleh masuk Islam? Kan kita sudah tahu keanehan-keanehan Baby.  Tentang tabiat  yang kotor dan malas. Juga karakternya yang tak jelas,  bisa menyerupai binatang buas karena ia bertaring dan makan daging tapi juga dia mirip binatang jinak karena berceracak dan makan dedaunan,”

“Terdengar semakin mirip dengan kita kan?”

Gema ‘Astaghfirullah’ kembali terdengar dari berbagai penjuru ruangan.  Tidak ada yang mendengarkan satu dengan lainnya dan masing-masing orang hanya sibuk dengan pendapatnya sendiri-sendiri. Pimpinan sidang memerintahkan reses selama dua jam  untuk membahas persoalan ini. Para peserta sidang  pun secara alamiah langsung membentuk kelompok yang dirasa cocok dan sepikiran dengan mereka. Setiap anggota majelis saling beradu argumentasi tentang bagaimana harus menyikapi persoalan Baby.

Sidang kembali dimulai dan  peserta sidang diminta melakukan voting dalam pengambilan keputusan. Kelompok pertama yang paling besar jumlahnya atau sekitar 40 persen dari majelis adalah mereka yang jelas menolak Baby, tidak ada pertimbangan dan tidak ada kompromi.  Sementara sebanyak 35  persen secara prinsip tidak setuju, tapi meyakini mereka perlu memanggil Baby untuk mendengarkan dari sisi Baby. Kelompok ini meyakini bahwa Majelis mesti bersikap tepat secara politis dan bagaimanapun harus mengusung prinsip-prinsip keadilan. Kelompok berikutnya, 23 persen, adalah kelompok yang mendukung Kyai Fikri, kelompok ini kecil tapi memiliki suara yang biasanya didengar oleh mayoritas anggota, karena posisi dan status sosial mereka yang dihormati publik. Di dalam kelompok ini sebetulnya termasuk juga adalah orang-orang yang menyetujui semata karena mengagumi Kyai Fikri dan keunikannya. Sisanya abstain, adalah mereka yang tidak tertarik dengan konflik dalam bentuk apapun juga.

Masing-masing kelompok berdebat argumentasi satu dengan yang lainnya, dan keputusan belum dapat diambil karena belum ada suara mayoritas. Akhirnya karena hari sudah larut, sidang harus dihentikan terlebih dulu dan dilanjutkan esok hari.

Dalam jeda sidang itu, terlihatlah bagaimana  kelompok 35 persen itu diperebutkan oleh dua kubu lainnya.  Kelompok 40 persen tentu saja merasa mereka seharusnya sedikit lagi memenangi keputusan ini, dan akan begitu mudah jika kelompok 35 tidak terlampau etis. Untuk apa sok etis, jika hasil akhir sudah jelas, yaitu tidak setuju. Tapi kelompok 35 terdiri dari mereka yang sangat menyukai proses dan sangat ingin majelis tampak bagus di mata publik.

Sementara itu, secara prinsip, kelompok 23 jelas memiliki sikap yang berbeda. Mereka pun sebal pada orang-orang dari kelompok 35 yang mereka nilai terlalu mementingkan pencitraan, haus pujian, dan tidak konsisten. Namun kelompok 35 memiliki jumlah signifikan, dan masih punya keinginan untuk melakukan proses yang adil betapapun itu hanyalah kosmetik belaka.  Kelompok 23 menimbang, jika setidaknya mereka bisa menghadirkan Baby dalam sidang, itu sudah merupakan suatu langkah besar, plus peluang bahwa keinginannya dapat dikabulkan majelis — seberapapun kecilnya kemungkinan itu.

Debat dan negosiasi yang terjadi begitu alot, bahkan untuk sekadar menghadirkan Baby di sidang majelis. Karena bagi banyak peserta itu akan menjadi kali pertama dalam hidup mereka berinteraksi dengan babi.  Sidang tertunda selama dua hari tanpa ada solusi.

Setelah proses yang panjang itu, di hari ketiga anggota majelis melakukan voting akhir. Hasilnya, Majelis secara resmi menolak Baby untuk menjadi Islam.

Wajah Kyai Fikri tampak mendung. Dia minta ijin menyampaikan kata-kata terakhir sebelum sidang majelis resmi dibubarkan.

“Bagaimanapun, saya berterimakasih untuk proses yang sudah melibatkan kerja keras dari semua peserta majelis. Saya benci membuat Baby kecewa, tapi saya akan kembali ke kampung dan mengatakan kepadanya, Baby, siapapun bisa menjadi islam dengan bersaksi bahwa ‚Tiada Tuhan kecuali Allah dan Muhammad adalah Rasulullah‘,” mata Kyai Fikri tampak berkaca-kaca. “Tidak ada yang bisa menghentikan siapapun menjadi Islam, meskipun orang Islam sendiri menolaknya. Itu yang akan saya katakan pada Baby.”

Ruangan senyap, dan sebagian peserta ikut terharu, memikirkan Baby yang akan kecewa karena mengalami penolakan di pengujung hidupnya. Bagaimanapun, keputusan sudah diambil, mereka bersalam-salaman dan berpamitan, saling mengucapkan maaf dan terimakasih untuk proses persidangan yang dilakukan selama tiga hari.

Ketika beranjak keluar ruangan, salah seorang peserta sidang menggamit lengan Kyai Fikri dan berbisik di telinganya.

“Kyai, saya boleh ikut ke kampung?” pintanya sambil tersipu. “Karena Baby sudah masuk Islam, saya ingin ikut mencicipi dagingnya.”

Sumber: Feby Indirani: Bukan Perawan Maria; Paperback, Pabrikultur, 2017

© Feby Indirani

Feby Indirani: Baby will Muslima werden

Die Ratssitzung war sogleich in eine ausgelassene Stimmung geraten, als Kyai Fikris Anliegen vorgebracht worden war, nämlich dass ein Schwein namens Baby zum Islam konvertieren wolle. Aus mehreren Ecken des Raumes hörte man Astaghfirullah-Rufe, bevor eine Vielzahl von Händen gleichzeitig emporschnellte, um die Gelegenheit zu erhalten, sich dazu zu äußern. Andere Besucher der Sitzung hielten das nicht für nötig und redeten gleich drauflos. Der Leiter der Sitzung war mit diesem Ansturm überfordert und ordnete schließlich eine Pause von 30 Minuten an.

Dann beschloss der Rat, Kyai Fikri als den Urheber dieser Kontroverse zur nächsten Sitzung zu laden.

Doch Kyai Fikri entgegenzutreten war nicht so leicht, weil er ein bekannter, von vielen verehrter Kyai war. Er war nicht groß, schlank, schon fast mager. Aber sein Blick war scharf und klar. Er besaß eine starke Aura, die ihm die Bewunderung der Menschen eingetragen hatte. Sein Alter war von seinem Erscheinungsbild her schwer zu schätzen. Er wirkte reif, mit seinem kurzen, gepflegten Bart, gleichzeitig aber relativ jung durch sein agiles Auftreten.

Sprach er mit seiner tiefen Stimme einen Gruß, herrschte im ganzen Raum augenblicklich Stille.

„Baby hat ihren ernsthaften Willen gezeigt, sich zum Islam zu bekennen und ich gehöre zu den Menschen, die glauben, dass eine gute Anleitung wen auch immer verändern und berühren kann. Und wenn wir überzeugt sind, dass der Islam für Gerechtigkeit steht, sollten wir, denke ich, Baby eine Chance geben.”

„Entschuldigung Kyai”, sagte ein Besucher der Sitzung, „bedeutet das, dass Baby dann ihr verabscheuungswürdiges Verhalten ändern würde?”

„Verabscheuungswürdig aus unserer Perspektive, weil sie anders ist als wir. Baby wird weiterhin ein Schwein bleiben, gemäß sunnatullah, dem göttlichen Naturgesetz.”

Flüstern erfüllte den Raum. Ein junger Teilnehmer hob den Arm. Kyai, ich würde gern wissen, warum Sie sich so für Baby einsetzen, aber vorher wüsste ich auch noch gern, wie Sie überhaupt mit Baby in Kontakt gekommen sind. Ist es nicht ein verbotenes Tier?”

„Ich bin Tierzüchter, und unter anderem halte ich auch Schweine”, entgegnete Kyai Fikri ruhig. „Es ist verboten Schwein zu essen, aber nicht es zu züchten, nicht wahr?” Ein Gemurmel erhob sich. Der Kyai ist ein Ketzer, flüsterten sie.

„Entschuldigung Kyai, aber wozu?”

„Ich gebe sehr armen Leuten in einem Dorf zu Essen. Und andere Tiere sind zu teuer. Ein Schwein bekommt, wenn es einmal trächtig ist, bis zu 20 Ferkel. Es gehört zu den Tieren, die den meisten Nachwuchs hervorbringen. Deswegen habe ich mich dazu entschlossen, Schweine zu halten.”

„Wie können Sie es ertragen, den Armen Schweinefleisch als Essen zu geben?”

„Die Menschen dort sind wirklich sehr arm und sie sind keine Muslime. Es wäre ein Luxus mit ihnen über Religion zu sprechen, ihre Religion ist vielleicht nur Essen und sauberes Wasser”. Der Blick des Kyais streifte die Versammlungsteilnehmer, die ihre Blicke unverwandt auf ihn gerichtet hatten.

„Ich übernachte oft in dem Dorf, verbringe Zeit mit den Menschen, schlafe in einer kleinen Musholla, nicht so weit vom Schweinestall entfernt. Ich bete und rezitiere den Koran dort wie überall, wo ich mich aufhalte. Als ich dann einmal hinaus ging, stand da ein weibliches Schwein, das mich immerzu ansah, als ob es auf mich gewartet hätte. Als ob es immer etwas sagen wollte. Dieses Schwein ist schon relativ alt, es ist 15 Jahre alt und kann keine Ferkel mehr bekommen. Da es sehr oft geschah, dass es auf mich zu warten schien, wenn ich aus der Musholla trat, als ob es mir etwas sagen wollte, habe ich ihm den Namen Baby gegeben und es schien zu verstehen, dass das der Name ist, den ich ihm gegeben habe.“

Er schwieg einen Moment und holte Luft. „Mit Allahs Erlaubnis konnte es seinen Wunsch äußern und ich habe seine Absicht verstanden. Es sagte, dass es gerne Muslima werden würde, für die verbleibenden Tage seines Lebens. Es weiß, dass es bald an der Reihe ist, geschlachtet zu werden und es wünscht, dass seine Bitte erfüllt wird”

Plötzlich geriet die Atmosphäre im Raum wieder in Aufruhr, weil so viele Menschen durcheinander sprachen, miteinander debattierten, sich empörten.

„Wie kann ein verehrter Kyai mit Baby seine Zeit verbringen?”

„Das werden wir nicht zulassen! Alles was mit Schweinen zu tun hat, ist haram. Die ganze Existenz des Schweins. Punkt.”

„Ist es unser Recht, jemanden davon abzuhalten, sich zum Islam zu bekennen? Ist der Islam nicht gütig gegenüber der Natur?”

„Hatte Baby denn bisher eine Religion? Warum möchte sie gerade jetzt Muslima werden?”

„Wenn ihr Baby verbietet dem Islam beizutreten, verhaltet ihr euch nicht gerecht. Und so ein Verhalten hassen Allah und auch der Prophet.”

„Aber wollen wir alle die gleiche Religion wie Baby haben? Das würde den Grad unserer Menschlichkeit herabsetzen.”

„Unser Körper und Baby ähneln sich sehr. Unsere DNA entscheidet sich nur zu 3 % von der der Schweine. Genau genommen sind wir ihnen näher als wir uns vorstellen.”

„Und soll sie dann dem Islam beitreten? Und Babys Merkwürdigkeiten kennen wir doch schon. Ihren schmutzigen und faulen Charakter. Weiterhin ihre unklare Stellung unter den Tieren, man kann das Schwein als wildes Tier bezeichnen, weil es Reißzähne hat und Fleisch frisst, andrerseits ähnelt es auch einem zahmen Tier, weil es Pflanzen und Blätter frisst ”

„Habt ihr das gehört? Es soll uns immer ähnlicher sein!”

Von überall hörte man erneut „Astaghfirullah“-Rufe. Niemand verstand mehr, was der andere sagte. Jeder war nur mit seiner eigenen Meinung beschäftigt. Der Sitzungsleiter setzte eine zweistündige Pause

an, um der Situation Herr zu werden. Die Teilnehmer bildeten sogleich Gruppen, die in ihrer Sichtweise zusammen passten. Alle Teilnehmer konkurrierten mit ihren Argumenten, wie man mit dem Problem Baby umgehen solle.

Die Sitzung begann wieder und die Mitglieder wurden gebeten abzustimmen, um zu einer Entscheidung zu gelangen. Die erste Gruppe, die am größten war, ungefähr 40 % der Teilnehmer waren klar gegen die Aufnahme Babys in den Islam. Für sie gab es da kein Abwägen und keinen Kompromiss.

Währenddessen waren ungefähr 35 % zwar prinzipiell nicht für die Aufnahme Babys, meinten aber, man müsste trotzdem noch Babys Sicht hören. Sie waren der Meinung, dass sich die Ratsversammlung politisch korrekt verhalten und das Prinzip der Gerechtigkeit befolgen müsste. Die folgende Gruppe unterstütze mit 23 % Kyai Fikri. Diese Gruppe war zwar relativ klein, aber ihre Stimmen hatten für gewöhnlich Einfluss auf die Mehrheit der Mitglieder wegen ihrer gesellschaftlichen Position und ihres von der Allgemeinheit geachteten sozialen Status. Unter ihnen gab es auch Leute, die nur zustimmten, weil sie Kyai Fikri und seine Einzigartigkeit bewunderten. Die übrigen Mitglieder enthielten sich der Stimme. Sie hatten an keinerlei Konfliktfragen Interesse.

Die Gruppen debattierten mit ihren Argumenten untereinander, doch es konnte noch keine Entscheidung getroffen werden, weil es keine Mehrheit gab. Schließlich musste die Sitzung wegen des fortgeschrittenen Abends unterbrochen werden, um sie am nächsten Tag fortzusetzen.

In dieser Zwischenzeit wurde die Gruppe der 35 % umworben. Die beiden anderen Lager versuchten sie von ihrer Position zu überzeugen. Die Gruppe der 40 % dachte, da sie ja nur noch wenige zusätzliche Stimmen benötigten, um die Mehrheit der Stimmen zu erreichen, dass es viel einfacher wäre, wenn die Gruppe der 35 % nicht so ethisch argumentieren würde. Warum betonten sie die Ethik so? Das Ergebnis war doch klar: nicht zuzustimmen. Aber die 35 %-Gruppe bestand aus Leuten, für die das Verfahren sehr wichtig war und die unbedingt wollten, dass der Rat in der Öffentlichkeit gut dastand.

Die 23 %-Gruppe hingegen hatte eine prinzipiell andere Handlungsweise. Sie ärgerte sich über die 35 %-Gruppe, die ihrer Meinung nach die Wirkung auf andere zu sehr in den Fokus stellte, unbedingt gelobt werden wollte und nicht konsistent war. Doch die 35 %-Gruppe stellte eine signifikante Menge dar und wollte ein gerechtes Verfahren anwenden, auch wenn es pure Kosmetik war. Die 23 %-Gruppe dachte, dass es schon ein großer Schritt nach vorn wäre, wenn sie wenigstens erreichen könnte, dass Baby zu einer Sitzung kommen durfte, verbunden mit der Möglichkeit, dass ihr Wunsch doch noch die Zustimmung des Rates erhielte – wie gering die Wahrscheinlichkeit auch sein mochte.

Die Debatte und die Verhandlungen waren sehr zäh, sogar nur über die Möglichkeit Baby zur nächsten Ratssitzung einzuladen. Denn für viele Teilnehmer wäre das die erste Interaktion ihres Lebens mit einem Schwein gewesen. Die Sitzung wurde ohne Ergebnis für 2 Tage unterbrochen.

Nach diesem langen Prozess schritten die Ratsmitglieder zur endgültigen Abstimmung. Das Ergebnis war, dass der Rat es offiziell ablehnte, dass Baby eine Muslima wurde.

Das Gesicht Kyai Fikris verdunkelte sich. Er bat um ein letztes Wort, bevor die Sitzung offiziell für beendet erklärt wurde.

„Unabhängig vom Ergebnis bedanke ich mich für den Prozess der Entscheidungsfindung, der harte Arbeit von allen Ratsmitgliedern verlangt hat. Ich hasse es Baby enttäuschen zu müssen, aber ich werde in das Dorf zurückkehren und ihr folgendes sagen: Jeder kann Moslem oder Muslima werden, indem er sagt: ‚Es gibt keinen wahren Gott außer Gott und Muhammad ist der Gesandte Gottes.‘“ Kyai Fikris Augen wurden feucht. „Es gibt nichts, was jemanden davon abhalten könnte, Moslem zu werden. Sogar Muslime können dies nicht verhindern. Das werde ich Baby sagen.”

Der Raum war ganz still geworden und einige Mitglieder waren bewegt, dachten an Baby, die durch ihre Ablehnung am Ende ihres Lebens enttäuscht worden war. Aber die Entscheidung war ja bereits getroffen und sie verabschiedeten sich voneinander, baten einander um Verzeihung und bedankten sich für den Prozess der dreitägigen Sitzung. Während die Menschen nach draußen strömten, nahm ein Ratsmitglied Kyai Fikris Arm und flüsterte ihm ins Ohr.

„Kyai, kann ich mit ins Dorf kommen?”, fragte er und wurde dabei rot. „Wenn Baby sich schon zum Islam bekannt hat, würde ich gern mitkommen und ihr Fleisch probieren.”

Übersetzt aus: Feby Indirani: Bukan Perawan Maria; Paperback, Pabrikultur, 2017

© Feby Indirani, Gudrun Ingratubun

Feby Indirani: Perempuan Yang Kehilangan Wajahnya

Di suatu pagi, Annisa bangun dan ia tersadar saat bercermin, bahwa ia tidak lagi memiliki hidung.

“Astaghfirullah!“ serunya keras. Andai Razi suaminya ada di rumah, ia mungkin sudah terjengkang dari kursi goyang kesayangannya. Namun Razi sedang dinas ke luar kota dan baru akan kembali lima hari lagi. Ya Tuhan, apa yang harus aku lakukan, Annisa panik.

Untuk beberapa saat, ia hanya membenamkan wajahnya di bantal. Cermin di kamarnya seolah menjadi hantu yang paling ditakutinya. Selama beberapa jam kemudian, Annisa hanya menangis meratapi nasib. Bagaimana mungkin hidungnya bisa hilang?

Tepatnya adalah batang hidungnya yang ramping, dan pucuk hidungnya yang biasanya membulat menggemaskan. Yang tersisa dari hidungnya adalah dua bulatan yang dipayungi cuping hidung yang tinggal setengah. Ia tidak merasakan rasa sakit sedikitpun. Ia pun tetap bisa menghirup udara seperti biasa, melalui lubang yang tadinya adalah hidungnya itu. Tapi oh alangkah buruknya wajah dengan hidung yang menghilang.

Annisa masih berharap itu adalah mimpi buruk, namun ketika ia berkaca lagi, ia tahu, ia tidak bermimpi. Ia tidak lagi memiliki hidung, atau tepatnya batang hidung. Ia merasa terguncang, tapi kemudian mulai berusaha berpikir rasional, dan mulai menimbang sejumlah alternatif tindakan yang harus dilakukannya. Menghubungi dokter di rumah sakit? Ya, Annisa akan melakukannya, tapi tidak, sebaiknya ia menunggu Razi pulang. Tidak, ia tidak mau mengabari Razi sekarang karena tidak ingin mengganggu konsentrasi suaminya. Dan ya, ia menduga biayanya mungkin akan mahal untuk bisa membuat sebatang hidung.  Sebagai seorang istri yang baik, ia tidak mungkin mengeluarkan uang yang begitu besar tanpa izin terlebih dulu dari suaminya. Tidak, ke dokter atau rumah sakit bukanlah prioritas yang begitu mendesak, karena Annisa sudah memastikan bahwa ia tidak merasakan sakit apapun.

Ya, ini adalah masalah estetika dan bukan keselamatan. Meskipun  berada dalam kondisi yang sangat kaget dan terguncang, secara naluriah Annisa tahu, bukan keselamatan nyawanya yang dipertaruhkan.

Baiklah, ini bukan segala-galanya. Ia bernafas seperti biasa. Annisa hanya perlu keluar rumah hari ini seperti biasa. Dikenakannya jilbabnya yang panjang polos berwarna biru tua, beserta niqab yang biasa terpasang di wajahnya, menyisakan sepasang mata dan alisnya. Untunglah aku ber-niqab, pikir Annisa lega.

Untuk sesaat, Annisa fokus pada hal-hal yang mesti dilakukannya hari itu. Mengunjungi sekolah yang dimiliki oleh keluarganya dan rapat dengan para guru di sana. Memastikan bahwa renovasi gedung sekolah itu bisa segera dimulai, sebelum tahun ajaran baru datang. Mungkin ia akan ikut dalam pertemuan dengan kontraktor, yang artinya rapat beruntun. Setelah itu ia sebetulnya punya rencana untuk merawat diri  di salon khusus Muslimah, tapi tidak, sebaiknya dibatalkan saja, karena ia tidak mau membuat orang-orang terkejut dengan wajahnya. Ya, mungkin ia akan langsung ke supermarket dan belanja kebutuhan domestik saja.

Ia menyetir mobilnya perlahan, setengah melamun. Saat memasuki gerbang sekolah, entah kenapa jantungnya berdebar. Ia merasa tidak siap bertemu banyak orang dalam situasi seperti ini. Annisa melirik kaca spion atas, dan mendapati cadar yang menutupi wajahnya. Tak ada bedanya, Nisa. Tak akan ada yang tahu kau punya hidung atau tidak, ia berusaha meyakinkan diri.

Tiga orang anak berkerudung berlari menghampirinya ketika turun dari mobil, mereka mencium tangannya dengan takzim.

“Ibu Nisa… Ibu Nisa…” panggil anak-anak itu. Anak-anak itu mengenali mobilnya, dan karenanya sudah siap menyapanya.

Mereka mengenakan jilbab putih sederhana dengan muka dibiarkan terbuka. Mereka tersenyum ketika tangan Annisa membelai kepala mereka satu persatu. Pandangan Annisa jatuh pada hidung-hidung mereka.

Annisa masuk ke ruang rapat guru dan ia sudah dinanti di sana. Rapat berjalan, dan untuk sesaat ia berhasil melupakan masalahnya sendiri. Ketika waktu sholat tiba, Annisa mulai kembali teringat masalahnya. Tapi, ia memiliki ruang khusus di sekolah yang sangat privat, dan ia bisa sholat dengan leluasa tanpa khawatir ada orang yang memergokinya tanpa penutup muka.

Separuh hari itu dilaluinya, dengan perasaan seperti orang yang bersembunyi, seperti orang yang takut. Kamu harus kuat Nisa, kamu harus kuat, ulangnya pada diri sendiri. Dan begitulah Annisa menjalani hari itu, mencoba sedapat mungkin fokus kepada orang orang yang dihadapinya, mencari solusi untuk hal-hal yang harus mereka pecahkan, dan sering ia juga yang mesti mengambil keputusan terakhir.

Sekolah ini didirikan oleh orang tuanya dulu, dan merupakan amanat baginya untuk tetap mempertahankan keberlangsungannya. Annisa bersyukur, Razi memberikannya ijin untuk tetap mengelola sekolah ini, apalagi karena Razi mendukung visi sekolah untuk menciptakan generasi yang soleh, yang mengutamakan pendidikan agama di atas segalanya.

Hari itu hanya harus ditutup dengan berbelanja di supermarket. Bukan hal yang susah, pikirnya. Aku sudah melalui hari sejauh ini.  Tapi hari ini bagaimanapun ia jadi lebih peka berada di antara banyak orang.  Annisa mendapati beberapa orang meliriknya, dengan tatapan ingin tahu. Itu pasti karena cadarnya.

Menggunakan niqab bukanlah sesuatu yang sedemikian normal di Jakarta, tapi dia juga bukan satu-satunya. Setelah tiga tahun ber-niqab atas permintaan suaminya, Nisa sudah terbiasa berhadapan dengan sorot mata ingin tahu yang mengarah kepadanya. Apalagi jika mereka berada di restoran, akan lebih banyak lagi orang yang mengawasinya karena ingin melihat bagaimana caranya ia makan. Sungguh mengganggu awalnya, tapi Nisa sudah terbiasa, dan tidak peduli.

Awalnya, Nisa memang sempat membantah ketika Razi memintanya mengenakan niqab. Meskipun sudah berjilbab sejak remaja,  mengenakan niqab adalah satu langkah yang berbeda. Tapi menurut Razi itulah jalan yang lebih benar berdasarkan tuntutan agama.

“Menjalankan perintah agama itu harus kaffah, Ummi,“ ujar Razi mesra dengan panggilan sayang padanya. “Apalagi Ummi itu perempuan cantik, biar pun berjilbab juga masih terlihat jelas kecantikannya. Sementara aku sering bertugas keluar kota, aku tidak rela istriku jadi pandangan lelaki lain,” ujar Razi lembut kepadanya sambil membelai rambutnya. Dan sikap itu selalu saja membuat Nisa meleleh. Razi tidak pernah memaksakan kehendak, tapi membujuk dan menyadarkannya tentang apa yang benar dan apa yang harus dilakukannya sebagai seorang istri yang solehah.

Akhirnya, meskipun separuh hati, ia menuruti permintaan suaminya untuk ber-niqab. Memang benar juga seperti yang dikatakan Razi, ia merasa semakin aman dan terlindung dari pandangan laki-laki asing.

Memakai cadar, kadang menyulitkan. Ya seperti saat makan di tempat umum itu. Atau karena cuaca di Jakarta yang panas dan lembab. Juga ketika bertemu teman di mal atau tempat umum lainnya. Annisa harus berteriak lebih keras ketika melihat dan berpapasan dengan teman lamanya, yang tentu saja tidak bisa mengenali karena mukanya tidak terlihat.

Kadang juga, bila malas ia memilih tidak menyapa saja walaupun berpapasan dengan teman lamanya. Sebenarnya tidak ada bedanya, toh mereka juga tidak akan tahu. Tapi tetap saja ada menyelinap perasaan bersalah di dalam hatinya, apalagi bila orang tersebut sebetulnya pernah jadi teman baiknya.

Seperti hari itu, ia melihat jelas Arifin, seorang lelaki yang, uh, pernah dekat dengannya. Hm. Dekat,  ah, kata itu kurang menggambarkan situasi mereka. Tepatnya, Arifin pernah melakukan proses ta’aruf atau perkenalan dengannya selama beberapa waktu, sebelum akhirnya ia memutuskan menjatuhkan pilihan pada Razi.

Arifin hanya berdiri beberapa meter di seberangnya, sedang berada di area buah-buahan. Annisa tiba-tiba merasakan jantungnya berdebar lebih kencang. Lelaki itu masih seganteng yang pernah ia ingat. Tubuhnya kini lebih berisi, tidak sekurus saat masa kuliah dulu.

Menyapa, tidak. Menyapa, tidak. Annisa tiba-tiba berada di dalam sebuah dilema. Ia masih memandangi Arifin yang memilah dan memilih jeruk dengan tenang, tanpa menyadari ada sepasang mata yang mengawasinya dengan dada bergemuruh.

Begitulah, sebagai seorang yang ber-niqab, sering kali Annisa mengalami bahwa keputusan menyambung tali silaturahim berada di tangannya. Ia yang bisa menentukan akankah ia menyingkap siapa dirinya atau tidak. Andai ia tak memakai niqab, dalam jarak sedekat ini kemungkinan besar Arifin sudah bisa mengenalinya dan akan menyapanya lebih dulu—sehingga Annisa tidak perlu mengorbankan gengsinya. Tapi tentu saat ini, bayangan tidak memakai niqab dan bertemu pria masa lalunya, juga bukan hal yang akan menguntungkan.

Tidak di saat ia kehilangan hidungnya.

Sekarang, atau tidak sama sekali. Annisa menguatkan hati untuk menyapa Arifin. Ia akan mengucapkan salam dan menyapa lelaki itu, yang pasti akan mengenali suaranya bagaimanapun juga. Dan meskipun sesaat, Annisa bisa bercakap-cakap lagi dengan dia, dan melihat bagaimana reaksi lelaki itu bertemu dengan dirinya.

“Mas, lama banget? Yuk, nanti filmnya keburu mulai…,” seorang perempuan menghampiri Arifin dan mengusap punggungnya, tepat saat Annisa hendak melangkah mendekat.

Perempuan itu, cantik. Tidak berjilbab, berpenampilan seperti perempuan profesional muda, dengan alis yang dilukis rapi dan lipstik pink terang. Annisa masih sempat melirik hidung mungil perempuan itu yang tampak serasi dengan mukanya yang bulat telur.

Dengan langkah gontai, Ia pun membalikkan badan dan berjalan menuju kasir. Istrinya? Pacarnya? Yang jelas dari bahasa tubuhnya mereka pasti dekat.  Pertanyaan yang muncul dengan deras di dalam kepalanya adalah, bagaimana mungkin Arifin bisa dekat atau berpasangan dengan perempuan yang bukan dari kelompok mereka? Dulu Arifin salah satu pentolan kelompok pengajian yang paling disegani, paling teruji ketekunan beribadah dan semangat membela agama. Mengapa perubahan terjadi begitu cepat? Apakah karena gagal menikah dengannya dulu?

Annisa pulang ke rumah, masih dengan perasaan galau. Ia merindukan Razi, tapi suaminya itu belum akan pulang malam ini. Ia harus tidur sendiri lagi, dan ia merasa begitu resah. Saat sholat ia menangis sendu, merasakan hampa.

Ia mengirimkan pesan singkat kepada suaminya.

Abi, Ummi rindu. Tidak sabar menunggu Abi pulang.

Abi, kalau Ummi sudah tidak cantik, Abi masih cinta Ummi? 

Pesannya tidak terbaca. Di lokasi bekerja suaminya, memang sering mengalami susah sinyal. Annisa hanya bisa menarik nafas dalam, dan mencoba tertidur. Di dalam mimpinya, ia seperti melihat seseorang sedang menggambar sketsa wajahnya, dengan rambut yang bergelombang tergerai. Rambut yang sengaja dibiarkannya panjang atas permintaan suaminya. Ia seperti berdiri, dari balik punggung si pelukis, mengamatinya yang sedang menyempurnakan lukisan wajahnya, dan sempat mengagumi kecantikannya sendiri pada lukisan itu. Lukisan yang hampir jadi seutuhnya.

Lalu Annisa terkejut, karena tiba-tiba sang pelukis memulas cat putih pada hidungnya, merusak lukisan wajahnya.

“Jangaaan, kenapa? Jangan!“ Ia merasakan tangannya mengguncang bahu si pelukis.

Namun pelukis itu bergeming. Malah ia terus menggerakkan kuasnya ke area mulutnya. Maka rusaklah lukisan wajahnya yang cantik tadi, meninggalkan sepasang mata indah. Pelukis itu meletakkan kuasnya tepat di atas mata itu. Seperti sedang menimbang-nimbang. Menunggu ketetapan hati.

“Jangan… jangan…,” Annisa kembali mengguncang tubuh pelukis itu. Saat itulah ia terbangun. Sesaat ia tidak menyadari, masih malamkah itu? Sudah masuk waktu fajar kah? Apakah ia melewatkan adzan subuh?

Annisa merasakan sisa air mata yang mengering di pipinya. Ia meraba-raba mukanya, dengan gerakan yang ragu-ragu dan cemas. Ia meraba tempat yang tadinya dalah hidungnya, dan ia tak bisa merasakan apa-apa. Jari jemarinya bergerak perlahan, hendak merasakan bibirnya.

Jantungnya seperti berhenti berdetak. Ia tidak bisa merasakan bibirnya lagi. Ia menggerakkan mulutnya dan merasakan hembusan nafasnya sendiri dari lubang itu. Tapi ia tidak bisa merasakan bibirnya. Annisa merasa seluruh tubuhnya lemas. Dengan sisa-sisa kekuatan, ia menyeret dirinya ke cermin.

Annisa melihat wajahnya, atau tepatnya sisa-sisa dari wajahnya. Lubang bekas hidung dan lubang mulut. Sepasang mata yang mengecil karena habis menangis, tertutup sisa kelopak. Hanya alis tipisnya yang masih tersisa di wajahnya. Tak ada seorangpun lagi yang akan mengenali wajah itu sebagai wajahnya. Tidak juga dirinya sendiri. Annisa  menangis sejadi-jadinya.

Namun ketika matahari sudah tinggi, Annisa sadar masih banyak tugas yang menunggunya di luar sana. Maka ia mengumpulkan kekuatan dirinya, mengenakan jilbabnya, dan mengenakan niqab-nya. Pergi keluar rumah, dan menjalankan rutinitasnya. Sebelum menjalankan mobilnya, ia mendapati pesan singkat pada telepon selulernya.

Abi cinta Ummi, bagaimanapun juga. Jaga diri ya Ummi. Sebaik-baiknya perhiasan adalah istri yang solehah. Dan istri solehah adalah istri yang menaati perkataan suaminya.

Annisa menghela nafas panjang. Ia hanya berharap dirinya tetap perhiasan terindah bagi suaminya. Meskipun ia sudah dan mungkin akan semakin, kehilangan wajahnya.  

Sumber: Feby Indirani: Bukan Perawan Maria; Paperback, Pabrikultur, 2017

© Feby Indirani

Feby Indirani: Die Frau, die ihr Gesicht verlor

Eines Morgens erwachte Annisa und sah in den Spiegel. Da stellte sie fest, dass sie keine Nase mehr hatte. „Astaghfirullah!“, rief sie laut. Wäre Razi, ihr Mann, zu Hause, wäre er wahrscheinlich schon aus seinem Lieblingsschaukelstuhl aufgesprungen. Doch Razi befand sich gerade auf einer Dienstreise und würde erst in fünf Tagen zurückkehren. „Oh Gott, was soll ich nur tun?“ Annisa geriet in Panik.

Für einige Zeit vergrub sie ihr Gesicht im Kopfkissen. Der Spiegel in ihrem Zimmer wurde zu einem angsteinflößenden Gespenst. Stundenlang weinte sie und beklagte ihr Schicksal. Wie hatte es passieren können, dass ihre Nase über Nacht verschwunden war?

Genauer gesagt hatte sie einen schlanken Nasenrücken und eine rundliche, liebenswerte Nasenspitze gehabt. Was nun übrig geblieben war, waren die beiden Nasenlöcher und die unteren Hälften der Nasenflügel. Sie hatte keinerlei Schmerzen und konnte wie gewohnt ein und ausatmen, durch eben diese Nasenlöcher, die bis vor Kurzem ihre Nase gewesen waren. Doch wie unbeschreiblich hässlich sah ihr Gesicht ohne Nase aus!

Annisa hegte noch die Hoffnung, dass dies alles nur ein böser Traum gewesen sein könnte. Ein Blick in den Spiegel sagte ihr, dass sie nicht geträumt hatte. Sie hatte keine Nase mehr, oder präziser gesagt, keinen Nasenrücken. Sie war erschüttert. Doch jetzt versuchte sie rational zu denken, verschiedene mögliche Schritte abzuwägen. Sollte sie sich an einen Arzt im Krankenhaus wenden? Ja, das würde sie tun. Nein, dafür würde sie lieber erst Razis Rückkehr abwarten. Aber sie wollte Razi nicht jetzt kontaktieren, denn sie wollte seine Konzentration bei der Arbeit nicht stören. Außerdem vermutete sie, dass das Wiederherstellen ihrer Nase eine beträchtliche Summe kosten könnte. Und als gute Ehefrau sollte sie einen so großen Betrag nicht ausgeben, ohne die Zustimmung ihres Ehemannes eingeholt zu haben. Ins Krankenhaus zu gehen hatte auch keine große Dringlichkeit, denn sie hatte ja keinerlei Schmerzen.

Ja, es handelte sich um ein ästhetisches Problem, ihre Gesundheit war nicht in Gefahr. Obwohl sie sich in ihren Grundfesten erschüttert fühlte, wusste Annisa doch instinktiv, dass ihr Zustand nicht lebensbedrohlich war.

Gut, dies war nicht das Ende der Welt. Sie atmete normal. Annisa musste nur heute wie gewöhnlich aus dem Haus gehen. Sie zog ihr dunkelblaues Kopftuch an, kombiniert mit einem Gesichtsschleier, dem Niqab, der ihr Gesicht bis auf die Augen und Augenbrauen verdeckte. Welch Glück, dass ich einen Niqab trage, dachte Annisa erleichtert.

Für einen Moment fokussierte Annisa sich auf die Dinge, die heute zu erledigen waren: die Schule, die von ihrer Familie betrieben wurde, besuchen und eine Versammlung mit den Lehrern abhalten. Sicherstellen, dass die Renovierung des Schulgebäudes sofort beginnen konnte, vor Beginn des Schuljahrs. Vielleicht würde sie auch an einem Treffen mit der Baufirma teilnehmen. Das wäre dann eine Sitzung nach der anderen. Danach hatte sie geplant, sich ein bisschen zu pflegen und in einen Schönheitssalon für Muslimas zu gehen. Aber das würde sie lieber absagen, sie wollte die Mitarbeiterinnen nicht mit ihrem Anblick erschrecken. Vielleicht würde sie anschließend lieber direkt in den Supermarkt gehen, um Lebensmittel einzukaufen.

In Gedanken versunken fuhr sie ihr Auto sehr langsam. Als sie das Schultor erreichte, begann ihr Herz laut zu schlagen. Sie fühlte sich nicht dazu bereit, in ihrem Zustand viele Menschen zu treffen. Sie wandte ihren Blick in den Rückspiegel und sah den Niqab, der ihr Gesicht verdeckte. Man sieht keinen Unterschied, sagte sie sich. Niemand wird bemerken, ob ich eine Nase habe oder nicht, versuchte sie sich selbst zu überzeugen.

Drei mit Kopftüchern bekleidete Mädchen rannten zu ihrem Auto, als sie ausstieg. Die Schülerinnen begrüßten sie mit einem respektvollen Handkuss.

„Frau Nisa… Frau Nisa…“, riefen die Kinder. Weil sie ihr Auto genau kannten, begrüßten sie Annisa mit ihrem Namen, bevor sie sie sehen konnten.

Die Mädchen trugen einfache weiße Kopftücher, die ihr Gesicht frei ließen. Sie lächelten, während Annisas Hand einer nach der anderen den Kopf streichelte. Annisas Blick fiel auf ihre Nasen.

Annisa betrat den Versammlungsraum der Lehrer, wo sie schon erwartet wurde. Die Sitzung nahm ihren Lauf und hier gelang es Annisa ihre eigenen Probleme zu vergessen. Als die Gebetszeit kam, wurde Annisa wieder an ihre Probleme erinnert. Aber sie hatte einen speziellen sehr privaten Raum an der Schule. Dort konnte sie unbeschwert beten ohne zu befürchten, dass jemand einen Blick auf ihr unverhülltes Gesicht werfen konnte.

Trotzdem war sie nur mit halben Herzen bei ihrem Gebet, sie fühlte sich wie jemand, der sich versteckt, wie jemand, der Angst hat. Du musst stark sein, Nisa, du musst stark sein, sprach sie sich selbst Mut zu. So gestaltete Annisa ihren Tag, sie konzentrierte sich so gut wie möglich auf die Menschen, denen sie begegnete, und versuchte, für deren Probleme eine Lösung zu finden. Oft musste sie selbst die letzte Entscheidung treffen.

Diese Schule war damals von ihren Eltern gegründet worden, und Annisa war es wichtig für das Fortbestehen der Schule zu sorgen. Sie war dankbar, dass Razi damit einverstanden war, dass sie die Schule weiter führte. Razi unterstütze auch die Vision der Schule, eine gläubige junge Generation auszubilden, für die die religiöse Bildung wichtiger war als alles andere.

Das letzte das sie heute zu erledigen hatte, war der Besuch im Supermarkt. Das konnte ja nicht so schwer sein, dachte sie, wo ich diesen Tag schon bis hierhin gemeistert habe. Aber heute war es ihr besonders unangenehm unter den vielen Leuten. Annisa bemerkte einige Menschen, die sie mit neugierigen Blicken musterten. Das war bestimmt wegen ihres Niqabs.

Einen Gesichtsschleier zu tragen war in Jakarta nichts Gewöhnliches, obwohl sie durchaus nicht die Einzige war. Nach den drei Jahren, die sie den Niqab nun auf Wunsch ihres Ehemanns trug, war sie schon an die vorwitzigen Blicke gewohnt. Besonders wenn sie sich in einem Restaurant aufhielten, schauten noch mehr Menschen sie unverhohlen an, die wissen wollten, wie sie es bewerkstelligte, mit einem Gesichtsschleier zu essen. Anfangs hatte es sie gestört, aber dann gewöhnte sie sich daran und beachtete es nicht weiter.

Zu Beginn hatte Nisa Razis Bitte, ein Niqab zu tragen, abgelehnt, obwohl sie schon seit ihrer Jugend Kopftuch trug. Niqab zu tragen war doch noch etwas anderes. Aber laut Razi war es der richtigere, auf den religiösen Geboten basierende Weg.

„Man sollte den religiösen Weg Kaffah gehen, der sich auf alle Lebensbereiche bezieht, Ummi“, hatte Razi mit sanfter, liebevoller Stimme zu ihr gesagt. „Insbesondere weil du so eine schöne Frau bist. Auch wenn Du ein Kopftuch trägst, ist deine Schönheit noch deutlich sichtbar. Und ich bin oft auf Dienstreisen, besuche andere Orte. Da ist es mir nicht angenehm, wenn meine Frau die Blicke anderer Männer auf sich zieht“, ergänzte er sanft und strich ihr dabei übers Haar. Verhielt er sich ihr gegenüber auf diese Weise, schmolzen Nisas Einwände dahin. Razi zwang ihr nie seinen Willen auf, aber er schmeichelte ihr und erläuterte ihr, was er für richtig hielt und wie eine fromme Ehefrau sich verhalten sollte.

Schließlich, wenn auch ein wenig halbherzig, entsprach sie dem Wunsch ihres Ehemanns, einen Niqab zu tragen. Er hatte auch recht behalten, mit Niqab fühlte sie sich tatsächlich sicherer und geschützter vor den Blicken fremder Männer.

Doch Niqab zu tragen machte ihr manchmal das Leben auch schwerer. Ja, wie zum Beispiel beim Essen im öffentlichen Raum. Oder wegen des feucht-heißen Klimas in Jakarta. Oder wenn sie im Einkaufszentrum oder sonst irgendwo in der Öffentlichkeit Freunde traf. Annisa musste lauter rufen, wenn sie Freunde sah, die sie lange nicht getroffen hatte und die sie bestimmt nicht erkennen würden, weil ihr Gesicht verdeckt war.

Manchmal, wenn ihr die Energie dazu fehlte, entschied sie sich auch, an ihr vorbeigehende Freunde von früher nicht anzusprechen. Eigentlich machte es ja keinen Unterschied, sie würden es ohnehin nie erfahren. Trotzdem beschlich sie dann das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, insbesondere wenn es gute Freunde von früher betraf.

An jenem Tag zum Beispiel sah sie Arifin ganz deutlich, einen Mann, der ihr, puh, einmal sehr nahe gestanden hatte. Hm. Nahe, dieses Wort beschreibt ihr Verhältnis nur unzureichend. Treffender wäre zu sagen, dass sich Arifin für einige Zeit darum bemüht hatte, sie näher kennenzulernen und als Verlobte zu gewinnen, bis sie sich dann schließlich für Razi entschieden hatte.

Arifin stand nur wenige Meter von ihr entfernt, in der Obstabteilung des Supermarktes. Annisa spürte, wie ihr Herz plötzlich schneller schlug. Der Mann sah immer noch so gut aus wie in ihrer Erinnerung. Er war etwas fülliger geworden, nicht mehr so schlank wie damals als Student.

Sollte sie ihn ansprechen oder nicht? Ansprechen oder nicht. Annisa befand sich plötzlich in einem Dilemma. Sie sah weiterhin zu, wie Arifin mit der Hand Orangen auswählte, ohne zu bemerken, dass ihm ein Augenpaar mit aufgewühlter Brust dabei folgte.

So ist es halt für eine Frau, die Niqab trägt. Annisa erlebt es oft, dass die Entscheidung, ein Freundschaftsband weiterzuführen, in ihrer Hand lag. Sie konnte bestimmen, ob sie sich zu erkennen gab oder nicht. Trüge sie keinen Niqab, hätte sie Arifin auf die kurze Entfernung hin mit großer Wahrscheinlichkeit erkannt und zuerst angesprochen – so dass Annisa nicht ihren Stolz hätte überwinden müssen. Andererseits war der Gedanke, in der jetzigen Situation keinen Niqab zu tragen und einen Mann aus ihrer Vergangenheit zu treffen, auch nicht vorteilhaft.

Nicht, wenn sie keine Nase mehr hatte.

Jetzt oder nie. Annisa sprach sich Mut zu, um Arifin anzusprechen. Sie würde einen Gruß sagen und den Mann ansprechen, der sicher ihre Stimme erkennen würde. Und wenn auch nur für eine kurze Weile, würde Annisa sich mit ihm unterhalten und sehen wie er darauf reagierte, sie zu treffen.

„Brauchst du so lange? Komm, sonst verpassen wir den Anfang des Films…“, näherte sich eine Frau Arifin und strich ihm über den Rücken, in dem Moment, als Annisa auf ihn zugehen wollte.

Die Frau war hübsch, trug kein Kopftuch, wirkte wie eine junge berufstätige Frau, mit wohlgeformten Augenbrauen und leuchtend pinkem Lippenstift. Annisa gelang es gerade noch, einen Blick auf ihre kleine Nase zu werfen, die mit ihrem ovalen Gesicht harmonierte. Annisa wandte sich vom Anblick der beiden ab und schritt in Richtung Kasse. War sie seine Frau? Seine Partnerin? Der Körpersprache nach zu urteilen standen sie sich nahe. Die Frage, die sich mit aller Macht in ihren Kopf drängte, war die, wie es möglich war, dass Arifin sich mit einer Frau befreundet hatte oder gar mit ihr liiert war, die nicht zu ihrer Gruppe gehörte. Früher war Arifin einer der von vielen bewunderten Leiter ihrer Rezitationsgruppe gewesen, der die Ausdauer für lange Rezitationen besaß und voller Begeisterung war, die Religion zu verteidigen. Wie hatte er sich so schnell verändern können? Vielleicht weil er sie nicht hatte heiraten können?

Annisa war sehr aufgewühlt, als sie nach Hause zurückkam. Sie vermisste Razi, aber ihr Mann würde heute Abend noch nicht zurückkehren. Sie würde wieder allein schlafen müssen. Beim Abendgebet weinte sie bitterlich, fühlte sich leer.

Sie schickte ihrem Mann eine SMS: „Abi, ich habe Sehnsucht nach dir. Ich kann es nicht erwarten, bis du nach Hause kommst. Abi, wenn ich nicht mehr hübsch bin, wirst du mich dann immer noch lieben?“

Ihre Nachricht wurde nicht gelesen. Da wo ihr Mann arbeitete, gab es in der Tat oft kein Signal. Anisa holte tief Luft und versuchte zu schlafen. In ihrem Traum schien jemand eine Skizze von ihrem Gesicht zu malen, ihr welliges, ungeordnetes Haar. Ihr Haar, das sie sich auf den Wunsch ihres Mannes hin hatte lang wachsen lassen. Sie schien hinter dem Maler zu stehen und beobachtete, wie er das Gemälde von ihrem Gesicht vervollständigte und bewunderte ihre eigene Schönheit in dem Gemälde. In dem fast vollendeten Gemälde. Doch dann erschrak sie, denn plötzlich trug der Maler weiße Farbe auf ihre Nase auf, zerstörte das Bild von ihrem Gesicht.

„Nicht doch! Warum? Nein!“ Sie spürte, wie ihre Hand an der Schulter des Malers rüttelte. Doch der Maler ließ sich davon nicht beeindrucken. Im Gegenteil: Er steuerte mit seinem Pinsel auf den Mund des Bildes zu. So zerstörte er das eben noch schöne Gesicht immer mehr. Es blieben nur noch zwei schöne Augen übrig. Nun hielt der Maler seinen Pinsel genau über die Augen, als ob er gerade überlegte, abwartete, was ihm sein Herz sagen würde.

„Nein… nein…“, Annisa schüttelte den Maler erneut. In diesem Moment wachte sie auf. Sie hatte kein Zeitgefühl. War es noch Nacht? Begann der Morgen schon zu grauen? Hatte sie den Morgengebetsruf überhört?

Annisa fühlte die Überreste getrockneter Tränen auf ihren Wangen. Sie befühlte ihr Gesicht, zögernd und ängstlich. Sie ertastete den Ort, an dem sie bis vor Kurzem eine Nase gehabt hatte. Sie fühlte nichts. Ihre Finger bewegten sich langsam und wollten ihre Lippen berühren.

Es war als hörte ihr Herz auf zu schlagen. Sie konnte ihre Lippen nicht mehr fühlen. Sie bewegte ihren Mund und konnte ihren eigenen Atem aus dem verbliebenen Loch spüren. Aber sie fühlte ihre Lippen nicht mehr. Annisa fühlte sich völlig erschöpft. Mit dem letzten Rest ihrer Kraft schleppte sie sich zum Spiegel.

Annisa sah ihr Gesicht, genauer gesagt das, was von ihrem Gesicht noch übrig war. Die Löcher ihrer früheren Nase, das Loch ihres früheren Mundes. Vom Weinen zugeschwollene Augen, durch die Augenlider verdeckt. Nur ihre schmalen Augenbrauen waren noch übrig. Niemand würde so ihr Gesicht erkennen können. Nicht mal sie selbst erkannte sich wieder. Annisa weinte immer heftiger.

Erst als die Sonne schon hoch am Himmel stand, wurde Annisa sich dessen bewusst, das draußen noch viele Aufgaben auf sie warteten. Also nahm sie all ihre Kraft zusammen, legte Kopftuch und Niqab an. Ging aus dem Haus um ihren Tätigkeiten nachzugehen. Bevor sie ihr Auto startete, bekam sie eine SMS. „Ich liebe dich, was auch immer passieren mag. Pass gut auf dich auf. Der beste Schmuck ist eine fromme Frau. Und eine fromme Frau folgt den Worten ihres Ehemanns.“

Eines Morgens erwachte Annisa und sah in den Spiegel. Da stellte sie fest, dass sie keine Nase mehr hatte. „Astaghfirullah!“, rief sie laut. Wäre Razi, ihr Mann, zu Hause, wäre er wahrscheinlich schon aus seinem Lieblingsschaukelstuhl aufgesprungen. Doch Razi befand sich gerade auf einer Dienstreise und würde erst in fünf Tagen zurückkehren. „Oh Gott, was soll ich nur tun?“ Annisa geriet in Panik.

Für einige Zeit vergrub sie ihr Gesicht im Kopfkissen. Der Spiegel in ihrem Zimmer wurde zu einem angsteinflößenden Gespenst. Stundenlang weinte sie und beklagte ihr Schicksal. Wie hatte es passieren können, dass ihre Nase über Nacht verschwunden war?

Genauer gesagt hatte sie einen schlanken Nasenrücken und eine rundliche, liebenswerte Nasenspitze gehabt. Was nun übrig geblieben war, waren die beiden Nasenlöcher und die unteren Hälften der Nasenflügel. Sie hatte keinerlei Schmerzen und konnte wie gewohnt ein und ausatmen, durch eben diese Nasenlöcher, die bis vor Kurzem ihre Nase gewesen waren. Doch wie unbeschreiblich hässlich sah ihr Gesicht ohne Nase aus!

Annisa hegte noch die Hoffnung, dass dies alles nur ein böser Traum gewesen sein könnte. Ein Blick in den Spiegel sagte ihr, dass sie nicht geträumt hatte. Sie hatte keine Nase mehr, oder präziser gesagt, keinen Nasenrücken. Sie war erschüttert. Doch jetzt versuchte sie rational zu denken, verschiedene mögliche Schritte abzuwägen. Sollte sie sich an einen Arzt im Krankenhaus wenden? Ja, das würde sie tun. Nein, dafür würde sie lieber erst Razis Rückkehr abwarten. Aber sie wollte Razi nicht jetzt kontaktieren, denn sie wollte seine Konzentration bei der Arbeit nicht stören. Außerdem vermutete sie, dass das Wiederherstellen ihrer Nase eine beträchtliche Summe kosten könnte. Und als gute Ehefrau sollte sie einen so großen Betrag nicht ausgeben, ohne die Zustimmung ihres Ehemannes eingeholt zu haben. Ins Krankenhaus zu gehen hatte auch keine große Dringlichkeit, denn sie hatte ja keinerlei Schmerzen.

Ja, es handelte sich um ein ästhetisches Problem, ihre Gesundheit war nicht in Gefahr. Obwohl sie sich in ihren Grundfesten erschüttert fühlte, wusste Annisa doch instinktiv, dass ihr Zustand nicht lebensbedrohlich war.

Gut, dies war nicht das Ende der Welt. Sie atmete normal. Annisa musste nur heute wie gewöhnlich aus dem Haus gehen. Sie zog ihr dunkelblaues Kopftuch an, kombiniert mit einem Gesichtsschleier, dem Niqab, der ihr Gesicht bis auf die Augen und Augenbrauen verdeckte. Welch Glück, dass ich einen Niqab trage, dachte Annisa erleichtert.

Für einen Moment fokussierte Annisa sich auf die Dinge, die heute zu erledigen waren: die Schule, die von ihrer Familie betrieben wurde, besuchen und eine Versammlung mit den Lehrern abhalten. Sicherstellen, dass die Renovierung des Schulgebäudes sofort beginnen konnte, vor Beginn des Schuljahrs. Vielleicht würde sie auch an einem Treffen mit der Baufirma teilnehmen. Das wäre dann eine Sitzung nach der anderen. Danach hatte sie geplant, sich ein bisschen zu pflegen und in einen Schönheitssalon für Muslimas zu gehen. Aber das würde sie lieber absagen, sie wollte die Mitarbeiterinnen nicht mit ihrem Anblick erschrecken. Vielleicht würde sie anschließend lieber direkt in den Supermarkt gehen, um Lebensmittel einzukaufen.

In Gedanken versunken fuhr sie ihr Auto sehr langsam. Als sie das Schultor erreichte, begann ihr Herz laut zu schlagen. Sie fühlte sich nicht dazu bereit, in ihrem Zustand viele Menschen zu treffen. Sie wandte ihren Blick in den Rückspiegel und sah den Niqab, der ihr Gesicht verdeckte. Man sieht keinen Unterschied, sagte sie sich. Niemand wird bemerken, ob ich eine Nase habe oder nicht, versuchte sie sich selbst zu überzeugen.

Drei mit Kopftüchern bekleidete Mädchen rannten zu ihrem Auto, als sie ausstieg. Die Schülerinnen begrüßten sie mit einem respektvollen Handkuss.

„Frau Nisa… Frau Nisa…“, riefen die Kinder. Weil sie ihr Auto genau kannten, begrüßten sie Annisa mit ihrem Namen, bevor sie sie sehen konnten.

Die Mädchen trugen einfache weiße Kopftücher, die ihr Gesicht frei ließen. Sie lächelten, während Annisas Hand einer nach der anderen den Kopf streichelte. Annisas Blick fiel auf ihre Nasen.

Annisa betrat den Versammlungsraum der Lehrer, wo sie schon erwartet wurde. Die Sitzung nahm ihren Lauf und hier gelang es Annisa ihre eigenen Probleme zu vergessen. Als die Gebetszeit kam, wurde Annisa wieder an ihre Probleme erinnert. Aber sie hatte einen speziellen sehr privaten Raum an der Schule. Dort konnte sie unbeschwert beten ohne zu befürchten, dass jemand einen Blick auf ihr unverhülltes Gesicht werfen konnte.

Trotzdem war sie nur mit halben Herzen bei ihrem Gebet, sie fühlte sich wie jemand, der sich versteckt, wie jemand, der Angst hat. Du musst stark sein, Nisa, du musst stark sein, sprach sie sich selbst Mut zu. So gestaltete Annisa ihren Tag, sie konzentrierte sich so gut wie möglich auf die Menschen, denen sie begegnete, und versuchte, für deren Probleme eine Lösung zu finden. Oft musste sie selbst die letzte Entscheidung treffen.

Diese Schule war damals von ihren Eltern gegründet worden, und Annisa war es wichtig für das Fortbestehen der Schule zu sorgen. Sie war dankbar, dass Razi damit einverstanden war, dass sie die Schule weiter führte. Razi unterstütze auch die Vision der Schule, eine gläubige junge Generation auszubilden, für die die religiöse Bildung wichtiger war als alles andere.

Das letzte das sie heute zu erledigen hatte, war der Besuch im Supermarkt. Das konnte ja nicht so schwer sein, dachte sie, wo ich diesen Tag schon bis hierhin gemeistert habe. Aber heute war es ihr besonders unangenehm unter den vielen Leuten. Annisa bemerkte einige Menschen, die sie mit neugierigen Blicken musterten. Das war bestimmt wegen ihres Niqabs.

Einen Gesichtsschleier zu tragen war in Jakarta nichts Gewöhnliches, obwohl sie durchaus nicht die Einzige war. Nach den drei Jahren, die sie den Niqab nun auf Wunsch ihres Ehemanns trug, war sie schon an die vorwitzigen Blicke gewohnt. Besonders wenn sie sich in einem Restaurant aufhielten, schauten noch mehr Menschen sie unverhohlen an, die wissen wollten, wie sie es bewerkstelligte, mit einem Gesichtsschleier zu essen. Anfangs hatte es sie gestört, aber dann gewöhnte sie sich daran und beachtete es nicht weiter.

Zu Beginn hatte Nisa Razis Bitte, ein Niqab zu tragen, abgelehnt, obwohl sie schon seit ihrer Jugend Kopftuch trug. Niqab zu tragen war doch noch etwas anderes. Aber laut Razi war es der richtigere, auf den religiösen Geboten basierende Weg.

„Man sollte den religiösen Weg Kaffah gehen, der sich auf alle Lebensbereiche bezieht, Ummi“, hatte Razi mit sanfter, liebevoller Stimme zu ihr gesagt. „Insbesondere weil du so eine schöne Frau bist. Auch wenn Du ein Kopftuch trägst, ist deine Schönheit noch deutlich sichtbar. Und ich bin oft auf Dienstreisen, besuche andere Orte. Da ist es mir nicht angenehm, wenn meine Frau die Blicke anderer Männer auf sich zieht“, ergänzte er sanft und strich ihr dabei übers Haar. Verhielt er sich ihr gegenüber auf diese Weise, schmolzen Nisas Einwände dahin. Razi zwang ihr nie seinen Willen auf, aber er schmeichelte ihr und erläuterte ihr, was er für richtig hielt und wie eine fromme Ehefrau sich verhalten sollte.

Schließlich, wenn auch ein wenig halbherzig, entsprach sie dem Wunsch ihres Ehemanns, einen Niqab zu tragen. Er hatte auch recht behalten, mit Niqab fühlte sie sich tatsächlich sicherer und geschützter vor den Blicken fremder Männer.

Doch Niqab zu tragen machte ihr manchmal das Leben auch schwerer. Ja, wie zum Beispiel beim Essen im öffentlichen Raum. Oder wegen des feucht-heißen Klimas in Jakarta. Oder wenn sie im Einkaufszentrum oder sonst irgendwo in der Öffentlichkeit Freunde traf. Annisa musste lauter rufen, wenn sie Freunde sah, die sie lange nicht getroffen hatte und die sie bestimmt nicht erkennen würden, weil ihr Gesicht verdeckt war.

Manchmal, wenn ihr die Energie dazu fehlte, entschied sie sich auch, an ihr vorbeigehende Freunde von früher nicht anzusprechen. Eigentlich machte es ja keinen Unterschied, sie würden es ohnehin nie erfahren. Trotzdem beschlich sie dann das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, insbesondere wenn es gute Freunde von früher betraf.

An jenem Tag zum Beispiel sah sie Arifin ganz deutlich, einen Mann, der ihr, puh, einmal sehr nahe gestanden hatte. Hm. Nahe, dieses Wort beschreibt ihr Verhältnis nur unzureichend. Treffender wäre zu sagen, dass sich Arifin für einige Zeit darum bemüht hatte, sie näher kennenzulernen und als Verlobte zu gewinnen, bis sie sich dann schließlich für Razi entschieden hatte.

Arifin stand nur wenige Meter von ihr entfernt, in der Obstabteilung des Supermarktes. Annisa spürte, wie ihr Herz plötzlich schneller schlug. Der Mann sah immer noch so gut aus wie in ihrer Erinnerung. Er war etwas fülliger geworden, nicht mehr so schlank wie damals als Student.

Sollte sie ihn ansprechen oder nicht? Ansprechen oder nicht. Annisa befand sich plötzlich in einem Dilemma. Sie sah weiterhin zu, wie Arifin mit der Hand Orangen auswählte, ohne zu bemerken, dass ihm ein Augenpaar mit aufgewühlter Brust dabei folgte.

So ist es halt für eine Frau, die Niqab trägt. Annisa erlebt es oft, dass die Entscheidung, ein Freundschaftsband weiterzuführen, in ihrer Hand lag. Sie konnte bestimmen, ob sie sich zu erkennen gab oder nicht. Trüge sie keinen Niqab, hätte sie Arifin auf die kurze Entfernung hin mit großer Wahrscheinlichkeit erkannt und zuerst angesprochen – so dass Annisa nicht ihren Stolz hätte überwinden müssen. Andererseits war der Gedanke, in der jetzigen Situation keinen Niqab zu tragen und einen Mann aus ihrer Vergangenheit zu treffen, auch nicht vorteilhaft.

Nicht, wenn sie keine Nase mehr hatte.

Jetzt oder nie. Annisa sprach sich Mut zu, um Arifin anzusprechen. Sie würde einen Gruß sagen und den Mann ansprechen, der sicher ihre Stimme erkennen würde. Und wenn auch nur für eine kurze Weile, würde Annisa sich mit ihm unterhalten und sehen wie er darauf reagierte, sie zu treffen.

„Brauchst du so lange? Komm, sonst verpassen wir den Anfang des Films…“, näherte sich eine Frau Arifin und strich ihm über den Rücken, in dem Moment, als Annisa auf ihn zugehen wollte.

Die Frau war hübsch, trug kein Kopftuch, wirkte wie eine junge berufstätige Frau, mit wohlgeformten Augenbrauen und leuchtend pinkem Lippenstift. Annisa gelang es gerade noch, einen Blick auf ihre kleine Nase zu werfen, die mit ihrem ovalen Gesicht harmonierte. Annisa wandte sich vom Anblick der beiden ab und schritt in Richtung Kasse. War sie seine Frau? Seine Partnerin? Der Körpersprache nach zu urteilen standen sie sich nahe. Die Frage, die sich mit aller Macht in ihren Kopf drängte, war die, wie es möglich war, dass Arifin sich mit einer Frau befreundet hatte oder gar mit ihr liiert war, die nicht zu ihrer Gruppe gehörte. Früher war Arifin einer der von vielen bewunderten Leiter ihrer Rezitationsgruppe gewesen, der die Ausdauer für lange Rezitationen besaß und voller Begeisterung war, die Religion zu verteidigen. Wie hatte er sich so schnell verändern können? Vielleicht weil er sie nicht hatte heiraten können?

Annisa war sehr aufgewühlt, als sie nach Hause zurückkam. Sie vermisste Razi, aber ihr Mann würde heute Abend noch nicht zurückkehren. Sie würde wieder allein schlafen müssen. Beim Abendgebet weinte sie bitterlich, fühlte sich leer.

Sie schickte ihrem Mann eine SMS: „Abi, ich habe Sehnsucht nach dir. Ich kann es nicht erwarten, bis du nach Hause kommst. Abi, wenn ich nicht mehr hübsch bin, wirst du mich dann immer noch lieben?“

Ihre Nachricht wurde nicht gelesen. Da wo ihr Mann arbeitete, gab es in der Tat oft kein Signal. Anisa holte tief Luft und versuchte zu schlafen. In ihrem Traum schien jemand eine Skizze von ihrem Gesicht zu malen, ihr welliges, ungeordnetes Haar. Ihr Haar, das sie sich auf den Wunsch ihres Mannes hin hatte lang wachsen lassen. Sie schien hinter dem Maler zu stehen und beobachtete, wie er das Gemälde von ihrem Gesicht vervollständigte und bewunderte ihre eigene Schönheit in dem Gemälde. In dem fast vollendeten Gemälde. Doch dann erschrak sie, denn plötzlich trug der Maler weiße Farbe auf ihre Nase auf, zerstörte das Bild von ihrem Gesicht.

„Nicht doch! Warum? Nein!“ Sie spürte, wie ihre Hand an der Schulter des Malers rüttelte. Doch der Maler ließ sich davon nicht beeindrucken. Im Gegenteil: Er steuerte mit seinem Pinsel auf den Mund des Bildes zu. So zerstörte er das eben noch schöne Gesicht immer mehr. Es blieben nur noch zwei schöne Augen übrig. Nun hielt der Maler seinen Pinsel genau über die Augen, als ob er gerade überlegte, abwartete, was ihm sein Herz sagen würde.

„Nein… nein…“, Annisa schüttelte den Maler erneut. In diesem Moment wachte sie auf. Sie hatte kein Zeitgefühl. War es noch Nacht? Begann der Morgen schon zu grauen? Hatte sie den Morgengebetsruf überhört?

Annisa fühlte die Überreste getrockneter Tränen auf ihren Wangen. Sie befühlte ihr Gesicht, zögernd und ängstlich. Sie ertastete den Ort, an dem sie bis vor Kurzem eine Nase gehabt hatte. Sie fühlte nichts. Ihre Finger bewegten sich langsam und wollten ihre Lippen berühren.

Es war als hörte ihr Herz auf zu schlagen. Sie konnte ihre Lippen nicht mehr fühlen. Sie bewegte ihren Mund und konnte ihren eigenen Atem aus dem verbliebenen Loch spüren. Aber sie fühlte ihre Lippen nicht mehr. Annisa fühlte sich völlig erschöpft. Mit dem letzten Rest ihrer Kraft schleppte sie sich zum Spiegel.

Annisa sah ihr Gesicht, genauer gesagt das, was von ihrem Gesicht noch übrig war. Die Löcher ihrer früheren Nase, das Loch ihres früheren Mundes. Vom Weinen zugeschwollene Augen, durch die Augenlider verdeckt. Nur ihre schmalen Augenbrauen waren noch übrig. Niemand würde so ihr Gesicht erkennen können. Nicht mal sie selbst erkannte sich wieder. Annisa weinte immer heftiger.

Erst als die Sonne schon hoch am Himmel stand, wurde Annisa sich dessen bewusst, das draußen noch viele Aufgaben auf sie warteten. Also nahm sie all ihre Kraft zusammen, legte Kopftuch und Niqab an. Ging aus dem Haus um ihren Tätigkeiten nachzugehen. Bevor sie ihr Auto startete, bekam sie eine SMS. „Ich liebe dich, was auch immer passieren mag. Pass gut auf dich auf. Der beste Schmuck ist eine fromme Frau. Und eine fromme Frau folgt den Worten ihres Ehemanns.“

Annisa holte tief Luft. Sie hoffte nur, dass sie immer noch der schönste Schmuck für ihren Mann war, obwohl sie ihr Gesicht schon verloren hatte und vielleicht noch mehr verlieren würde.

Quelle: Feby Indirani: Bukan Perawan Mary. pabrikultur

Übersetzung von Gudrun Ingratubun

© Feby Indirani, Gudrun Ingratubun

Faisal Oddang: Warum beten sie zu einem Baum?

Ich habe mich in einen Baum verwandelt. Die Menschen in meinem Dorf glauben daran, auch wenn sie dies wortreich verteidigen müssen, bis sie Schaum vor dem Mund haben. Seit 1947 glauben sie daran. Der Tamarindenbaum ist inzwischen schon groß und er wird immer älter. Inzwischen braucht man ungefähr fünf erwachsene Männer, um den Baumstamm zu umfassen. Fast jeden Tag drängen sich die Menschen an diesen Baum, sprechen unterschiedlichste Gebete, wobei sie verschiedenfarbige Stoffe um den Baum binden und geloben, sie erst dann wieder zu lösen, wenn sich ihr Gebet erfüllt hat. Also wundert euch nicht, wenn um die Zweige, die Äste, den Stamm – ich glaube ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass um jeden Teil des Baumes ein Stück Stoff gewickelt ist. Es gibt so viele Gebete dort. Um meinen Körper zu schützen, verläuft eine brusthohe moosfarbene Mauer um mich herum. Die Betenden haben sie gebaut.

Aber als der Krieg 1947 erneut ausbrach, gab es den Tamarindenbaum noch nicht. Es spielte sich ungefähr folgendes ab: Wir wurden wie Wasserbüffel zusammengetrieben. Unsere Finger waren mit Stricken aus Padanusbläattern zusammengebunden. Die holländischen Gewehrläufe gaben uns die Richtung an – und mehrmals wurden unsere Schritte noch schneller durch Kolbenhiebe in den Nacken oder ins Schienenbein. Wir wussten, dass nur noch wenig Zeit blieb, bis unsere Leben eins nach dem anderen ausgelöscht werden würden.

***

Der Dezember 1946 hatte gerade begonnen, als mich in der Musholla, dem Ort an dem ich Kindern Koranunterricht gab, eine Nachricht erreichte. Ich gab Rahing ein Zeichen. „Die Kinder sollen es nicht hören“, sagte ich mit gedämpfter Stimme, während ich aufstand und gefolgt von Rahing in den hinteren Teil der Mosholla ging. Ich bat die Kinder, selbständig weiterzulesen. „Ich komme bald zurück“, versprach ich ihnen.

„Sie sind bereits in Makassar”, noch nie hatte Rahings Stimme so angsterfüllt geklungen, „Truppennachschub, viele weitere Truppen”, ergänzte er mit zitternder Stimme.

„Halten wir uns bereit”, sagte ich, bemüht meine Stimme ruhig klingen zu lassen, obwohl mein Herz heftig pochte, in meinem Herzen ein Sturm tobte. Aus Makassar hatte ich gehört, dass sie die Widerstandszentren in Süd-Sulawesi wieder unter ihre Kontrolle bringen wollten. Diese Meldung war schon vor einigen Wochen zu mir gedrungen, vor Rahings Nachricht über die Ankunft der Spezialtruppen, Depot Speciale Troepen—DST, KNIL, die sich bereits auf dem Weg in unser Dorf befanden, nach Bacukikki, dem Herzen des Landkreises Parepare.

Mit Rahing und mit den anderen Andi-Makassau-Kämpfern hatte ich vor der Unabhängigkeit zusammen gekämpft – und nachdem wir bereits alles erreicht hatten, kehrten diese gottverfluchten Kolonisten zurück. Bevor Rahing ging, fragte er noch nach unseren Aktivitäten in der Musholla, wie es den Kindern ginge und er beklagte, wie anstrengend es für ihn wäre, die Bewohner immer wieder in die Verstecke im Wald zu führen und wieder zurück ins Dorf. Ich klopfte ihm beruhigend auf den Rücken und sagte: „So Gott will, wird alles gut!“

“Ich mache mich auf den Weg. Assalamualaikum, Ustad.“

Ich erwiderte den Abschiedsgruß und beeilte mich, mein Versprechen gegenüber den Kindern zu erfüllen. Wie aus weiter Ferne hörte ich die Kinder das arabische Alphabet auf buginesisch buchstabieren. Dies erwärmte mein Herz: yase’na lefue nakkeda a, yase’na lefue mallefa nakkeda aaa…. Meine Gedanken gingen zu meinem vor Kurzem getöteten fünfjährigen Sohn – und ich konnte nicht verhindern, dass Tränen über meine Wangen liefen.

***

Rahings Nachricht wurde von einem Kämpfer zum nächsten weitergegeben. So wie das Zischen der Gewehrkugeln vor ein paar Jahren hatte das Eintreffen von Trauernachrichten aus Makassar kein Ende nehmen wollen. Die erste Nachricht kam aus Borong und Batua, beides Orte, von denen wir glaubten, dass die Guerilleros dort sicheren Unterschlupf hatten, und noch andere schwer erklärliche Gerüchte waren im Umlauf. Dann folgten weitere Regionen, Gowa und Takalar. Diese Hiobsbotschaften erreichten uns, jedoch ohne die genaue Anzahl der Toten zu nennen. „Nicht mehr lange und sie werden hier sein“, berichtete eines Abends einer unserer Kämpfer in der Musholla, als es schon keine Koran-Rezitationsübungen mehr gab, nachdem ein Rundschreiben der niederländischen Regierung das Kriegsrecht ausgerufen hatte.

„Kinder, ich werde euch Bescheid sagen, wenn wir wieder beginnen den Koran zu rezitieren. Jetzt habt ihr erst mal frei. Übt zu Hause weiter…”

Ich hatte Angst um sie und meine Sorge wuchs von Tag zu Tag. Wie ein Seemann, der immerzu fürchtet, in einen Wirbelsturm zu geraten. Fast jeden Abend kamen wir zu Lagebesprechungen zusammen, vom Nachtgebet bis zum Morgengebet. Eigentlich handelte es sich nicht vordringlich um Lagebesprechungen sondern um eine Art Nachtwache. Als Leiter der Bacukikki-Krieger, die den Andi-Makassau-Kriegern unterstellt waren, als Zentrum des Widerstands der Bevölkerung von Parepare, stellte ich den Versammlungsort zur Verfügung und leitete die Sitzungen. Das war auch der Grund, warum ich die Kinder gebeten hatte, zuhause den Koran zu rezitieren, abgesehen davon, dass ich sie auch nicht in Gefahr bringen wollte.

„Wir müssen realistisch sein, Ustad.”

Eine lange Stille. Sogar den Windzug meines eigenen Atems konnte ich hören. Niemand fragte, was Rahing mit realistisch gemeint hatte. Doch dann gab Rahing selbst die Erklärung, ohne dass ihn jemand darum gebeten hätte.

„Wir sind zahlenmäßig unterlegen, waffenmäßig unterlegen, insgesamt unterlegen…”

Es war nicht zu übersehen, Rahing konnte seine große Sorge nicht verbergen. Er hatte vor Kurzem geheiratet. Ich selbst hatte die Trauung vollzogen. Ich wusste, dass er nicht nur um sich selbst Angst hatte. Auch um seine Frau – und wahrscheinlich auch um ein ungeborenes Kind. Deswegen schwieg ich, nickte ab und zu, als ob ich schläfrig sei.

Die Schatten des Kampfes vor der Unabhängigkeit, der Schatten meiner Frau Fatimah, meines fünfjährigen Sohnes Akbar und andere Erinnerungen röteten meine Augen. Akbars Schrei um Hilfe, Fatimas Schrei Allahu Akbar, und der zweite Schrei, nachdem eine Granate unser Stelzenhaus an jenem Abend zerstört hatte. Man hatte mich beschuldigt, die Kinder zu Rebellen auszubilden, nur weil ich sie in Koran-Rezitation unterrichtete, aber nachdem ich alles verloren hatte, war ich entschlossen selbst ein Guerilla-Kämpfer zu werden, die Kämpfer anzuführen und die Unabhängigkeit zu verteidigen. Als ich das Gefühl hatte, dass alles vorbei war, hatte ich die Kinder wieder versammelt, sie hatten wieder die Silben „alif-ba-ta“ aufgesagt. Doch wieder mussten wir aufhören.

***

Mitte Januar, einen Monat nach Rahings Meldung, waren sie auf dem Vormarsch zu unserem Dorf. Die Regenzeit hatte gerade begonnen, aber niemand wagte es das Reisfeld zu bestellen. Alle hatten Angst. Aber ein paar Leute nahmen doch ihren Mut zusammen, darunter auch ich.

Die Sonne geht einzig und allein am Horizont unter, und das Leben wird nur durch den Tod beendet. Unzählige Male versicherte ich mich meiner selbst im Spiegel, sah nach, ob mir vielleicht irgendein Körperteil fehlte. Alles war vollständig. So machen sich die Bugis-Leute Mut, bevor sie in den Krieg ziehen. Mein Bart wuchs dicht, stellenweise schon grau. Auch auf meinem Kopf zeigten sich ein paar graue Haare, nicht ungewöhnlich für einen Mann in den Fünfzigern. Meine Augen hatten einen todtraurigen Ausdruck und meine Wangenknochen zeichneten sich immer deutlicher ab. An meiner Schläfe war eine große Verletzung zu sehen, eine Narbe von einem Granatsplitter jener Nacht.

Ya Hayyu, Ya Qayyum – oh Allmächtiger, Allgegenwärtiger, sagte ich in meinem Herzen immer wieder, bis ich mich wirklich bereit fühlte. Obwohl ich immer wieder Verschnaufpausen einlegen musste, wegen meines sich verschlimmernden Hustens mit blutigem Auswurf. Es wird erzählt, dass Muhammad dies auch immer wieder gesagt habe, während seiner schlaflosen Nächte im Badar Krieg, als er auf die Quraisy wartete.

Es wurde heftig an der Tür geklopft, von jemandem, der es eilig zu haben schien. Tatsächlich, als ich öffnete, sah ich in Rahings bleiches Gesicht. Er stammelte, dass der türkische Schlächter schon an der Grenze stände und die Kämpfer versuchten, ihn aufzuhalten. Er fuhr fort: „Ich muss erst meine Frau in Sicherheit bringen. Es tut mir leid, Ustad. Ich spürte augenblicklich Wut in mir hochkochen. Was für ein Egoist! Doch dann stellte sich meine eigene Erfahrung meinem Zorn entgegen. Ich wollte nicht, dass Rahing dieselbe schmerzhafte Erfahrung wie ich machen musste.

„Wenn Du das erledigt hast, schließe dich uns an”, sagte ich fast schreiend, seinen eiligen Schritten folgend. Ich marschierte mit ungefähr 20 Bacukikki-Kämpfern in Richtung Landkreisgrenze, in strömendem Regen, der seit gestern Nachmittag ununterbrochen niederprasselte. Doch wie ein machtloser Tod hatten wir den Einmarsch der holländischen Soldaten eingeschätzt. Die Situation stellte sich völlig anders dar, die Verteidigung an der Grenze war schon überwunden, wir waren sofort unter Druck, sahen uns gezwungen, in den Häusern der Dorfbewohner Zuflucht zu suchen. Ich bereute diese Entscheidung. Die Menschen, die uns Schutz gewährt hatten, wurden nun ebenfalls auf den Dorfplatz getrieben, als sich der Nachmittag dem Ende neigte. Egal ob Mann oder Frau, ob jung oder alt.

In einer langen Reihe knieten wir auf dem Boden, die Hände nach hinten gebunden. Hunderte von Menschen, ohne die Möglichkeit zu entkommen, geschweige denn Widerstand zu leisten. Meine Brust war wie ein Feuer, das alles sehr bewusst wahrnahm. Ein Mann, scheinbar der Anführer der DST, näherte sich der Menschenansammlung. Er sah uns einen nach dem anderen in der Dämmerung eindringlich an. Wen er wohl suchte, fragte ich mich. Sein Blick war kalt. Er war anders als die Anderen, die uns auslachten und verhöhnten. Sein Gesicht war fast ausdruckslos. Vielleicht…vielleicht war er der, den Rahing als türkischen Schlächter  bezeichnet hatte. Der gottverfluchte Westerling? Meine Brust wurde immer heißer. Ich fühlte mich wie ein Vogel mit gebrochenen Flügeln, gebrochenem Schnabel. Immer noch inspizierte er schweigend unsere Gesichter der Reihe nach. In der Hand trug er eine Browning P-35, mit deren Spitze er ein Kinn anhob, wenn jemand nach unten guckte. Plötzlich löste sich ein Pistolenschuss. Der Schall betäubte meine Ohren und der Gestank von Schießpulver erfüllte die Luft. Ein Frauenkörper fiel vor mir zu Boden.

„Sie ist die Frau eines Rebellen!“, schnappte ich aus seinem gebrochenen, verzerrten Indonesisch auf. Es entstand ein Durcheinander, ein paar Leute versuchten zu fliehen, wenig später fielen ihre Körper zu Boden und ihr Blut vermischte sich mit Regenwasser. Dutzende Seelen wurden augenblicklich ausgelöscht, in weniger als fünf Minuten. Als die DST-Truppen die Situation wieder unter Kontrolle hatten, wurde die Untersuchung fortgesetzt und ihre Gewehre beförderten noch mehr unschuldige Körper in den Tod. Im Laufe der Nacht wurde der Regen immer heftiger. Es blitzte einige Male und ein Sturm kam auf. Einige der DST-Truppen konnten dies nicht mehr aushalten und es entstand wieder Unruhe. In der Dunkelheit schossen sie nun ohne Mitgefühl auf uns. Schreien und Stöhnen wechselten einander ab, der metallene Geruch von Blut mischte sich mit dem von Schießpulver. Am folgenden Tag ließ der Regen nach. Hunderte Leichen lagen verstreut auf dem Dorfplatz, nur mein Körper nicht. Der war verschwunden. Für die Leute von Bacukikki bin ich nun heilig.

***

„So war das Leben Ustad Syamsuris. Wie ein Tamarindenbaum. Seine Früchte werden als Gewürz beim Kochen benutzt, seine Blätter als Gemüse, seine Äste als Feuerholz und sein Stamm kann zu Brettern oder zu einem Hauspfosten werden.“

Unter Tränen erzählte Rahing dies den Menschen, die sich auf dem Platz versammelt hatten, den Tamarindenbaum betrachteten, der einige Wochen nachdem die DST-Truppen Parepare verlassen hatten, dort gewachsen war.

„Am meisten schätze ich an einem Menschen, wenn er seinen Mitmenschen hilft“, fuhr Rahing schluchzend fort. „Die Seele von Ustad Syamsuri hat sich hier auf dem Platz in einen Tamarindenbaum verwandelt, ein Baum der sehr hilfreich und nützlich ist. Sein Körper ist zum Himmel aufgestiegen. Ich bereue es, nicht mit ihm zusammen ein Märtyrer geworden zu sein. Lasst uns für ihn beten. Al-Fātiḥa!“

Seit diesem Tag kamen die Leute häufig hierher und beteten am Tamarindenbaum, bis zum heutigen Tag – Jahrzehnte später. Tatsächlich war es mir gelungen zu entkommen und im Landkreis Wajo Zuflucht zu finden. Dort erlag ich meiner Tuberkulose. Ich starb einige Zeit nachdem General Simon Spoor, der Leiter des niederländischen Angriffs, das Kriegsrecht in Süd-Sulawesi im Februar 1947 aufgehoben hatte.

Übersetzung von Gudrun Ingratubun aus: Faisal Oddang: Sawerigading Datang dari Laut. DIVA Press, Januar 2019.

© Faisal Oddang, Gudrun Ingratubun

Yusi Avianto Pareanom: Der Tod des Anwar Sadat in Cempaka Putih

Anwar Sadat starb an dem Tag, an dem er erstmals einen Fuß nach Jakarta setzte. Er kam aus Semarang. Sein Alter an diesem Unglückstag war 28 Jahre.

Anwars Vater hatte ihn nach dem ägyptischen Präsidenten Muhammad Anwar El Sadat benannt. Er hatte einen Grund dafür gehabt, diesen Namen zu wählen und nicht Gamal Abdul Nasser oder Husni Mubarak. Eine Woche bevor der Anwar aus Semarang geboren wurde, war der andere Anwar Sadat, der Präsident war, von seinen eigenen Soldaten erschossen worden. Den Nachrichten zufolge hätte dies eigentlich vermieden werden können, wenn Anwar Sadat bereit gewesen wäre, eine kugelsichere Weste zu tragen, wie von seinen Beratern empfohlen. Der Präsident lehnte ab, weil seiner Meinung nach nur Feiglinge so etwas trugen.

„Er war wirklich ein tapferer Mann“, sagte der Vater von Anwar aus Semarang voller
Bewunderung.

Als sein Sohn geboren wurde, wählte er darum sofort diesen Namen, um ihm Ehre zu erweisen. Er verwarf all die für sein Dorf ohnehin zu großen Namen, die er längere Zeit geplant hatte: Franz, Johan, Mario und Diego Armando.

Die Hoffnungen seines Vaters verfehlend wuchs Anwar Sadat aus Semarang nicht zu so einem Helden heran wie der Präsident mit dem unglücklichen Schicksal. Sein Verhalten war sehr fein, wofür er oft von seinen Freunden verspottet wurde. Was sie auch spielten, er war immer der Außenseiter.

Als er zehn Jahre alt war, nahmen ihn seine Eltern mit dem Zug nach Surabaya mit. Die ganze Fahrt lang war er leichenblass. Seine Eltern glaubten, ihm sei schlecht, weil er noch nichts gegessen hatte. In Wirklichkeit aber fühlte Anwar, wie seine Seele jedes Mal fast davonflog, wenn der Zug über eine Brücke fuhr. Vor der Heimreise
quengelte Anwar ununterbrochen, dass sie doch den Bus nehmen sollten.

Anwar litt an einer Form von Gephyrophobie – der Angst vor dem Überqueren von Brücken aus der Befürchtung, dass diese Bauwerke einstürzen könnten. Normale Brücken machten ihm keine Angst, aber Eisenbahnbrücken nahmen ihm wirklich
jeden Mut. Die Unwissenheit Anwars oder seiner Eltern über den Namen dieses Leidens konnte das Zittern nicht verringern, dass ihn bei jedem Anblick einer Eisenbahnbrücke überkam. Anwars Leiden wurde stärker, weil er auch an etlichen weiteren chronischen Ängsten litt, von allgemeinen wie Hämophobie oder der Angst vor Blut, Iatrophobie oder der Angst vor Ärzten, Klaustrophobie oder der Angst vor engen Räumen bis hin zu den etwas selteneren wie Ombrophobie, der Angst vor
Regentropfen. Aber wenigstens, wenn man das so sagen darf, litt Anwar nicht an Optophobie, der Angst vor dem Öffnen der Augen, einem Leiden, welches die Betroffenen sich möglicherweise selbst ihre Augen auskratzen oder ausstechen lässt, ob nun mit der bloßen Hand, einem Nagel oder einer Salatgabel.

All diese Ängste ließen Anwar zweifellos lieber zuhause bleiben und kaum jemals die Stadt verlassen. Er war zufrieden damit, als Bewacher des kleinen Ladens seines Vaters zu arbeiten.

Einige Wochen vor Anwars Tod erhielt sein Vater einen Anruf von einem Verwandten in Jakarta. Dieser sagte, da gäbe es eine junge Frau, 24 Jahre alt, eine kinderlose Witwe, die gut zu Anwar passen würde, der ja noch Junggeselle sei. „Sie ist ein gutes Kind, hellhäutig, still, sparsam, pflegt den Garten, strickt gerne, kann gut kochen, kennt sogar die Koransure Yaasin auswendig”, sagte der Verwandte von Anwars Vater anpreisend.

Anwars Vater war hocherfreut, Anwars Mutter noch viel mehr. Man bat Anwar, nach Jakarta zu fahren. Erst mal nur zum Kennenlernen, falls es dann so halbwegs passte, konnte die Verbindung vertieft werden. Und wenn es so halbwegs nicht passte, dann war es zumindest schon mal eine Freundschaft.

Anwar befolgte brav die Anweisung seiner Eltern und brach nach Jakarta auf. Eigentlich hatte er Angst davor, so ganz alleine zu reisen. Aber er hätte sich geschämt, als Angsthase zu gelten, und es freute ihn, sich eine Lebenspartnerin vorzustellen. In der Nacht vor der Abreise konnte er vor Unsicherheit und Vorfreude nicht schlafen. Als Anwar schließlich mit dem ersten morgendlichen Bus aufbrach, litt
er darum unter einer bleischweren Müdigkeit. Dummerweise konnte er diese Müdigkeit nicht einfach mit Schlaf bekämpfen, weil er sich sorgte, was auf der Reise alles passieren könnte.

Nachmittags um halb drei kam Anwar am Busterminal Pulogadung an. Wie ihm beschrieben worden war, nahm er dann den Metromini-Bus Richtung Senen. Das Haus seiner Verwandten war in Kramat. Im Metromini konnte er gegen seinen Willen die Müdigkeit nicht mehr zurückhalten. Er wachte erst davon wieder auf, dass ihn jemand an der Schulter schüttelte und sagte: „Aussteigen, wir müssen den Metromini da vorne nehmen.” Sie waren in Cempaka Putih.

Völlig gerädert stieg Anwar hastig aus. Der Ruf eines Metromini-Schaffners zehn Meter weiter machte ihn noch unruhiger. Als die rechte Sandale der Marke Lily, welche Anwar trug, dann genau fünf Meter weiter aufsetzte, trat seine hintere linke
Sandale dabei auf etwas feinen Sand. Anwar rutschte aus. Hätte er doch nur die Schwerkraft ihre Arbeit machen lassen, dann wäre sein Schicksal vielleicht besser verlaufen. Aber Anwar kämpfte gegen sie an, und als er so taumelnd sein Gleichgewicht wiederzufinden versuchte, stieß er mit einer Frau zusammen, die gerade aus der Einmündung einer kleinen Straße hinter den beiden Metrominis kam.

Anwars Hand landete auf der Brust der Frau. Gleichermaßen erschrocken schrien beide auf. Immer noch völlig erschöpft rutschte Anwars Hand nun auf die Hüfte der Frau.

„Taschendieb!”, schrie die Frau.

Verwirrt lächelte Anwar.

„Verdammter Kerl”, rief einer von etlichen Männern, die in einer Gruppe am Straßenrand herumsaßen.

Als die Gruppe von Leuten auf ihn zukam, begann Anwar zu weinen. Er vermisste plötzlich die Hühnersuppe und die Fleischbratlinge seiner Mutter, die Geschichten seines Vaters und das Lächeln seiner Heiratskandidatin, die er noch nie
getroffen hatte.

Lena Mareta sah den ersten Schlag nicht, der auf Anwars Kopf traf. Da saß sie schon im Taxi. Genau drei Sekunden nachdem Anwar mit ihr kollidiert war sah sie das Taxi, winkte es heran und öffnete die Tür. Natürlich war sie immer noch schwer genervt,
weil eine unerwünschte Männerhand auf ihrem Körper gelandet war. Aber es gab da etwas noch unangenehmeres, weshalb sie schnell von diesem Ort verschwinden wollte.

„Darf man hier rauchen?”, fragte Lena.

„Darf man nicht”, sagte der Taxifahrer, dessen Augen Lena im Rückspiegel beobachteten.

Lena öffnete das Fenster und zündete ihre Zigarette an. Eigentlich wäre es so ein erfreulicher Tag gewesen, wenn nur dieses kleine Milchgesicht nicht alles kaputt gemacht hätte!

Lena hatte sich wirklich auf diesen Tag gefreut. Sie hatte sogar einen Tag Urlaub dafür genommen. Morgens hatte sie gebadet und nach dem Mittagessen noch einmal. Sie schminkte sich nicht sonderlich gerne, aber sie liebte es, ihre Nägel zu lackieren. Darum öffnete sie nach dem zweiten Bad ihre Kiste mit Nagellack. In vier Reihen waren jeweils zehn Farben pro Reihe angeordnet. In der erste Reihe:
Guavenpink, Zwiebelrot, Blutrot, Japanrot, Jakartarot, Himbeersiruprot, Menarcherot, Weinrot, Betelspeichelrot und Jokerlippenrot. In der zweiten Reihe: Taubeneiblau, Samuraiblau, Winterhimmelblau, Chelseytrikotblau, Blutergussblau, Knutschfleckblau, Grünblau, Lapislazuliblau, Tintenblau und Stonewashedblau. In der dritten Reihe: Sonnenblumengelb, Duriangelb, Reishalmgelb, Moosgrün, Kurkumaorange, Pontianakorange, Ziegelbraun, Teebraun, Eierschalenweiß und Marmorweiß. In der vierten Reihe: neun Flaschen so schwarz wie die Haare von Joan Jett, und eine mit glänzendem Klarlack. Lena entschied sich für letztere.

In der Nacht zuvor war Jamal, Lenas Freund, von einer dreiwöchigen Reise zur Besteigung des Elbrus in Russland zurückgekommen. Lena hatte es nicht geschafft ihn abzuholen. Sie hatte dann eigentlich schon am Morgen in sein Haus nach Cempaka Putih kommen wollen, hatte sich aber beherrscht, weil Jamal sagte, da werde er bestimmt noch schlafen.

Lena und Jamal waren schon seit vier Monaten zusammen. Sie hatten schon neunzehn Mal zusammen geschlafen. Bereits nach zwei Monaten war Lena eigentlich klar, dass sie in vieler Hinsicht nicht zu einander passten. Nicht wegen
Jamals Alter, der gerade mal 21 war, sechs Jahre jünger als Lena, sondern weil Gespräche mit ihm einfach nicht inspirierend waren. Für Lena war Jugend kein Grund, dass jemand immer weiter nur herumblödeln durfte. Aber Jamal enttäuschte sie dafür nie bei dieser anderen wichtigen Sache, die Lena auch weiterhin mit ihm genießen wollte.

In Jamals Zimmer lief zunächst alles so, wie Lena es sich vorgestellt hatte. Aber sie freute sich zu früh. Lenas Hände, die gerade auf dem Rücken ihren BH lösen wollten, erstarrten, als sie Jamal sah, der schon nackt auf dem Bett saß und mit der rechten Hand über sein Ding wedelte wie ein Schaffner beim Einweisen.

„Fräulein Lena, sie haben diese drei hier schon oft getroffen, wurden einander aber noch nie offiziell vorgestellt. Dies sind John, George und Ringo”, sagte Jamal lachend, während er auf seinen Schwanz und den linken und rechten Hoden zeigte.

„Und wo ist Paul?”, fragte Lena grinsend.

„Was meinst du?”

„Warum ist er nicht mit dabei?”

„Ich hab eben nur zwei Eier, Lena.”

„Warum steht er dann nicht im Mittelpunkt?”

„Paul war es, der diese Band zerstört hat!”

Sie stritten. Lena fühlte sich gekränkt. Für sie hätte es ohne Paul McCartney keine Beatles gegeben, wie toll auch immer John Lennon gewesen sein mochte. Lena hatte sich wegen Paul in die Beatles verliebt. Als sie noch klein war und um ihren verstorbenen Vater trauerte, hatten die ruhigen Beatles-Songs von Paul ihr Trost gebracht. Es war ja nicht so, dass sie John nicht mochte, sie respektierte ihn sogar sehr, aber ihre erste Liebe blieb immer Paul. Darum konnte sie Jamals Schmähungen
gegen Paul nicht akzeptieren. Als Jamal trotz seiner geistigen Schwerfälligkeit merkte, dass dieser Streit zwecklos war und er sich wieder vertragen wollte, damit sein John nun wirklich auch in den Kampf ziehen konnte, da war es schon zu spät. Lena hatte
resigniert und verließ das Zimmer.

Erst nachdem sie die zweite Zigarette aufgeraucht hatte, lächelte Lena leicht. Warum rege ich mich so auf ? Würde es Paul nicht viel mehr beleidigen, wenn dieser Rotzlöffel sein Ding nach ihm benannt hätte? Lena wollte zurückgehen, aber ihr Stolz hielt sie zurück.

„Nach Ragunan bitte, zum Zoo”, sagte Lena schließlich. Anfangs hatte sie nur „Fahren Sie!” zu dem Taxifahrer gesagt.

„Es ist schon spät.”

Lena antwortete darauf nicht, sodass der Fahrer sich nicht traute, noch etwas zu sagen.

Neben Pauls Liedern brachte es Lena seit ihrer Kindheit auch immer Trost und Geborgenheit, die Tiere im Zoo zu betrachten. Früher war ihr Lieblingstier der Tapir gewesen, weil er zwischen den Tierarten so schwer einzuordnen war. Ihre Mutter konnte ihr damit ebenso wenig helfen wie die weitere Verwandtschaft. Der Tapir faszinierte Lena auch, weil er ziemlich faul wirkte. Als sie erwachsen wurde, konnte sie dann problemlos den Wissensdurst ihrer Kindheit stillen und Tapire interessierten sie bald nicht mehr. Heute mochte Lena Giraffen, aus einem ganz bestimmten Grund: Giraffen haben keine Stimmbänder. Solch ein langer Hals, und doch so still.

Der Taxifahrer hatte nicht ganz Unrecht gehabt, als er sagte, es sei schon spät, denn der Kartenverkäufer in Ragunan sagte das Gleiche. Es blieben nur noch 40 Minuten. Das störte Lena nicht. Sie wollte nur die Giraffen anschauen, deren Gehege nicht weit vom Eingangstor entfernt war.

Der Spätnachmittag war durch die Wolken dunkler als sonst. Nach zehn Minuten langweilte Lena sich bereits. Als sie aufbrechen wollte, zog eine Frau – vielleicht um die 70, dachte Lena – ihre Aufmerksamkeit auf sich. Immer wieder schaute die Frau abwechselnd in den Himmel und auf den Strauch vor ihr.

Lena wusste nicht, dass die alte Frau gerade ihr Wissen über meteorologische Botanomantie prüfte, die Vorhersage von Wetterphänomen durch die Analyse der Bewegungen von Pflanzen. Das ist eine schwierige Wissenschaft, sogar für Frauen, die bereits Fructomantie beherrschen, also die Deutung von Formen, Bewegungen und Reaktionen von Früchten, oder Dendromantie, die Deutung von Bäumen, oder Phyllomantie, die Deutung von Blättern, und Xylomantie, die Deutung von Stamm
und Astwerk eines Baumes.

Lena starrte sie ununterbrochen an, weil das Gesicht der alten Frau sie an jemanden erinnerte. Zuletzt fasste sie sich ein Herz.

„Frau Reni?”

Die alte Frau lächelte. „Nein, ich bin Esti. Reni ist meine Zwillingsschwester.”

Lena ging zu ihr und küsste Estis Hand. Sie hatte nicht erwartet, jemals die Zwillingsschwester der Frau zu treffen, die so bedeutend für ihre Familie gewesen war. Vor zwanzig Jahren, als Lenas Mutter einen schweren Schlaganfall erlitten hatte, war es Frau Reni aus Semarang gewesen, die sie mit einer Mischung aus Kräutermedizin und Massagen geheilt hatte.

„Hey Lehrer, deine Geschichte ist wirklich voller Zufälle!”

Der Mann, der Lehrer genannt worden war, lachte auf seinem Stuhl laut auf. Ich saß neben ihm und lachte mit. Vor uns saßen fünf oder sechs seiner Schüler. Ich sage das so ungenau, weil der Lehrer mir vorher erzählt hatte, dass von sechs
Leuten, die bei ihm das Schreiben von Texten lernten, einer zwar offiziell eingetragen, bisher aber nur ein Mal in zwölf Sitzungen gekommen war, während eine andere nicht eingetragen und einfach auf Einladung eines Freundes mitgekommen war, sogleich die Gutherzigkeit des Lehrers ausnutzte und seit der zweiten Woche nun gratis weiter den Unterricht besuchte.

„Wart ihr das nicht, die gesagt haben, dass Zufälle im realen Leben durchaus mal passieren können?”, fragte der Lehrer, nachdem das Lachen verebbt war.

Auf dem Weg hierher zu unserem Treffen hatten die sechs lang und breit geredet – oder eher gelästert – über einen jungen Mann, Sänger einer Punk-Band, der früher mit einer von ihnen verbandelt war. Angefangen von den Liedern, die er mochte und spielte, bis hin zu, ja wirklich, der Farbe seiner Haut, die während seiner Liebschaft hell strahlte und nach dem Aus wieder dunkler wurde. Sie wussten nicht mehr, wer damit jetzt angefangen hatte. Aber keiner von ihnen hatte erwartet, was dann geschah. Als ihr Wagen an einer roten Ampel anhielt, stoppte links von ihnen ein Motorrad. Einer unter ihnen drehte zufällig seinen Kopf dorthin und schrie sofort erschrocken auf, weil er niemand anderen sah als den jungen Mann, über den sie
gerade redeten.

Der genau Ablauf dieses Ereignisses war eigentlich noch länger, aber grundsätzlich wollten sie in ihren eigenen Geschichten nun Zufälle verwenden dürfen. Der Lehrer lächelte und sagte, er wolle eine Geschichte entwerfen, in der hier und da einige Zufälle geschahen, und seine fünf oder sechs Schüler sollten danach bewerten, ob diese wirklich gut sei.

An dieser Stelle würde ich nun gerne schreiben, dass der Lehrer nach dem Protest seiner Schüler tief Luft holte, die Augen zusammenkniff, das Flüstern des Windes und die Vögel in der Ferne hörte und dann mit dieser Geschichte begann. Ich will diesen Lehrer cool aussehen lassen, weil er sich genau darum schon lange bemühte – mit gefärbten Haaren, einem Ohrring im linken Ohr sowie Schuhen und Hut, die aufeinander abgestimmt und von gleicher Farbe waren –, aber er war dabei völlig erfolglos. Doch diese Beschreibung ist jetzt egal, wir waren nun in einem Café in Senayan City. Was wirklich geschah war: Der Lehrer bat um zwei Stunden Zeit für diese Geschichte, seine Schüler nahmen diese Pause freudig an und gingen Inception gucken. Ich ging mit ihnen.

„Und, wie ging es dann weiter, Lehrer?”

„Zufälligerweise möchte ich, dass ihr die Geschichte weitererzählt.”

Die sechs Leute murrten, befolgten aber seine Anweisung. Drei von ihnen arbeiteten an ihren Laptops, während die verbleibenden auf Papiertüchern herumkritzelten, die zufälligerweise dick genug waren, um darauf zu schreiben. Nach zwanzig Minuten gab einer von denen, die auf Papiertüchern schrieben, sein Werk dem Lehrer. Ich las über seine Schulter mit.

Hier ist die Geschichte.

„Anwar, los, mach dich bereit!”

Anwar Sadat zitterte. Er wollte wirklich nicht in diesem Graben neben der Hauptstraße hocken. Aber seine Freunde drängten ihn dazu. Einer hielt ihm eine Zwille hin, ein anderer machte neue Geschosse aus Tonerde. Die Kinder aus Anwars
Dorf hatten gerade ein neues Spiel für sich entdeckt – vorbeifahrende Autos mit ihren Zwillen zu beschießen. Wenn ein Fahrer oder Beifahrer sich erschrak, machte sie das wirklich froh. Und noch viel froher erst, wenn ein Fahrer mal wütend wurde
und ausstieg, um sie zu jagen.

Anwar war mitgegangen, weil er es Tamsi versprochen hatte, dem Jungen, der ihn dazu gebracht hatte sich in diesem Graben zu verstecken, damit der ihn dafür dann in der Schule beschützen würde. In den beiden ersten Grundschulklassen war Anwar immer Ziel des Spottes seiner Mitschüler gewesen, weil er stark übergewichtig war. Es war dieses Versprechen des schlanken Tamsi, welches Anwar den Mut aufbringen ließ, selbst nun auch eine Zwille in die Hand zu nehmen.

Nach nicht einmal drei Minuten waren alle Kinder bereit. Als ein Wagen, ein Impala, aus Richtung Norden auf sie zukam, klopfte Tamsi Anwar auf die Schulter, um ihm damit zu sagen „jetzt bist du dran”.

Mit zusammengekniffenen Augen schoss Anwar. Die Tonkugel traf genau die rechte Seite der Brille des Fahrers. Der Schuss verletzte ihn zwar nicht, jagte dem Mann aber einen Riesenschrecken ein, während er ja das Steuer in der Hand hatte. Es gab ein lautes Krachen, dann keinerlei Stimmen mehr aus dem Wageninneren. Nachdem sie zehn Sekunden lang wie angewurzelt dagestanden hatten, liefen die Kinder in alle Richtungen auseinander. Tamsi zog Anwar an der Hand, der immer noch wie versteinert dastand.

Der Mann am Steuer war blutüberströmt, seine Stirn zertrümmert. Die Frau hatte ein
bleiches Gesicht und war ohnmächtig, während das Mädchen bei Bewusstsein war und weinte. Das Mädchen hieß Lena Mareta.

Quelle: Yusi Avianto Pareanom: Grave Sin #14 And Other Stories. English translations by Pamela Allen
German translations by Jan Budweg, Nele Quincke, Susanne Ongkowidjaja. Jakarta, 2015
Raden Mandasia Si Pencuri Daging. Banana Publishing, Jakarta, 2016, S. 119-136
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© Yusi Avianto Pareanom, Jan Budweg