/1/
Und noch einmal blickt sie nun auf jenes Taschentuch,
das nicht mehr weiß ist; 13 Jahre sind vergangen.
Ein Streichholz hält sie in der Hand, sie will das Tuch verbrennen,
damit es Asche werde der Vergangenheit.
Doch noch bevor die Flammen züngeln, erzittert ihr Herz.
Sie bläst das Streichholz aus und schweigt im Schweigen der Nacht.
Öffnet das Fenster: dunkler Himmel von Los Angeles,
wo sie seit dreizehn Jahren lebt.
Sie erinnert sich der ersten Wochen hier in diesem Zimmer,
als sie die Nächte durchweinte.
Nennen wir sie doch Fang Yin, das bedeutet: duftendes Gras.
Ihr wahrer Name bleibe ungenannt, bis über alles Gras gewachsen ist.
Damals war sie zweiundzwanzig Jahre alt,
musste aus Indonesien fliehen, dem Land, wo sie geboren war,
nachdem ein Mob sie vergewaltigt hatte,
das war im Jahre 1998, dem Jahr des Pogroms.
Was bedeutet Indonesien mir?, flüstert Fang Yin.
Tausende Chinesen1 haben dieses Land verlassen,
nach jenem dunklen Monat Mai, dem Mai des Chaos,
den Unruhen und der brutalen Gewalt.2
/2/
Dieses Land war damals führungslos,
das Recht war ausgesetzt, überall nur Chaos und Gewalt.
Und es hallten die Schreie des Mobs:
Jagt sie, die Chinesen, tötet sie!
Schwarz war der Himmel von Asche und Staub
der abgebrannten Häuser und Geschäfte.
Die Menschen in Panik, und keiner vermochte
sich vor Gewalt und Hass zu schützen.
Eine Cousine Fang Yins tötete sich selbst
im Angesicht der Plünderer, vor den wilden Augen
jener Männer, die sich auf sie stürzen wollten,
rauben, morden, vergewaltigen.
Was bedeutet Indonesien mir?, flüstert Fang Yin.
Ihr Leben war zerstört,
der Winde milde Brise spürte sie nicht mehr,
ihr Lebensglück glich einer ausgepressten Frucht.
Laut heulten und bellten damals die Hunde,
als flehten die Tiere um den Schutz der Polizei.
Doch die schoss auf sie, warf sie in einen Teich,
sie zappelten noch, als rot sich färbte das Wasser.
/3/
Nach Amerika floh Fang Yin mit ihren Eltern,
wie so viele andere Chinesen, die in Indonesien lebten.
Und so entstand so manche kleine indonesische Kolonie
in New York, in Philadelphia, Los Angeles, New Jersey.
Während der ersten Wochen in Amerika
begriff Fang Yin noch nicht, was ihr geschehen war.
Verwundet waren Leib und Seele. Ihre Eltern
ließen sie nicht mehr allein, ein Psychologe stand für sie bereit.
Nach drei Monaten hatte Fang Yin sich wieder gefasst,
lernte Englisch, nahm sich vor ein Studium aufzunehmen.
Doch sie war jetzt eine andere:
nicht mehr das fröhliche Mädchen von einst.
Als ein junger Koreaner sich in sie verliebte,
wies Fang Yin ihn ab, fürchtete, er sei wie Albert Kho,
ihr Ex-Freund aus Jakarta, von dem sie
– die Vergewaltigte – verlassen worden war.
Dreizehn Jahre lebt sie nun schon in Amerika,
und ihre Sehnsucht nach der Heimat Indonesien wächst.
Dort möchte sie, die mittlerweile fünfunddreißig ist,
ein neues Leben beginnen, eine Familie gründen.
Sie wünscht sich einen Mann, sie wünscht sich Kinder,
hat Heimweh nach Jakarta, der Stadt ihrer Kindheit.
Sehnt sich nach den alten Freunden, nach den Malls,
wohin man immer ging, die Freizeit zu verbringen.
Doch noch immer brennt in ihr ein Hass auf Indonesien,
das Trauma der Schändung ist längst nicht überwunden.
Und so verwirft sie den Plan einer Rückkehr,
reist nicht in finstere Vergangenheit.
Doch denkt sie immer noch an Albert Kho.
Wo er jetzt wohl leben mag? Und sie öffnet
jenen Brief, dem sie ihm geschrieben hatte,
damals vor zwölf Jahren, den nie abgeschickten.
Kho, wie geht es dir?
Ich bin hier so einsam.
Du hast einmal gesagt, dass du mich nie
alleine lassen wirst, gerade in schwerer Zeit.
Deshalb hab ich deine Liebe angenommen.
Ich bin so traurig, Kho,
ich möchte deine Stimme hören.
Immer wieder hatte sie versucht ihn anzurufen.
Doch niemand nahm den Hörer ab, Kho schien verschwunden.
War er etwa auch geflohen, irgendwohin?
Nie hatte Fang Yin mehr von ihm gehört.
Das Einzige, was ihr von Kho geblieben ist
und was sie bis heute treu verwahrt,
ist jenes Taschentuch. Jetzt umklammert sie es
fest und traurig in der Hand.
/4/
Sie will ein Stück Erinnerung verbrennen,
den einzigen Zeugen, das, was vom Trauma übrig blieb.
Sie hat jenes Tuch bis heute gut verwahrt,
und niemand hat es je gesehen oder gar berührt.
Und wieder schaut sie auf das Taschentuch,
betastet den Stoff. Noch erkennbar sind die Spuren
der Tränen, die es einst benetzten.
Dies Tuch ist ein unabtrennbarer Teil ihres Lebens.
Vor einem Jahr, da sagte ihr der Psychologe,
ein Amerikaner: »Sie sind nun fast geheilt.
Und endgültig, wenn Sie den Verlust so vieler Jahre
als Schicksalsfügung akzeptieren können.«
Dem Psychologen verdankt Fang Yin das Leben.
Mehrmals hatte sie versucht sich umzubringen.
Er war es, der sich jeden Tag um sie gekümmert hatte,
bis sie, die Tochter reicher Eltern, Schritt für Schritt genas.
Des Psychologen Mantra hatte sie sich immer wieder aufgesagt
und den Sinn jener Worte versucht zu verstehen:
Nimm die Dinge hin, so wie sie sind!
Mach deinen Frieden mit Vergangenem!
Nach vier Monaten hatten die Worte zu wirken begonnen,
das, was geschehen war, war keine Mine mehr in ihrem Hirn.
Doch waren die Erinnerungen wie ein Wespenstich,
der Schmerz, er wollte nicht vergehen.
/5/
Sie schaut erneut auf jenes Taschentuch,
auf dem jetzt Szenen wie aus einem Film erscheinen:
Sie sieht ihr Haus in Kapuk, Nord-Jakarta,
das Gebäude mit den hohen Mauern.
Es stand in einer Reihe mit anderen Häusern,
die im Wettkampf miteinander standen
um die höchste, mächtigste Umzäunung.
In all diesen Häusern lebten Chinesen.3
Doch keine hohe Wand, kein hoher Zaun
vermochte die Bewohner zu schützen
vor jener Welle, jenem Sturm,
vor jenem Feuer, das in Jakarta loderte.
Es war ein Dienstag, der 12. Mai des Jahres 1998.
Fang Yin war nicht zur Universität gegangen, war daheim,
schaute sich im Fernsehen die Nachrichten an,
verfolgte die Geschehnisse des finsteren Tags.
Protestveranstaltungen an Universitäten,
Demonstrationen überall.
Gefordert wurde der Rücktritt Suhartos,
der galt als schuldig für die Wirtschaftskrise.
Unternehmen waren bankrott gegangen,
die Arbeitslosigkeit nahm drastisch zu,
die Preise für lebenswichtige Güter schnellten empor,
und die Rupie fiel ins Bodenlose.
Was anfangs nur Aktionen von Studenten waren,
was anfangs den Namen »Reformbewegung« trug,
wurde alsbald zu einer Welle großer Demonstrationen,
die nicht mehr aufzuhalten war.
An jenem 12. Mai, an jenem Dienstag,
wurden auf dem Gelände der Trisakti-Universität
vier Studenten erschossen: Und es folgte jene
Nacht des Schreckens, der Ausbruch des Chaos.
Mittwoch, 13. Mai 1998:
Tausende Studenten versammelten sich
auf dem Campus der Trisakti-Universität.
Trauer mischte sich mit Wut.
Man weiß nicht genau, warum zur Mittagszeit
es plötzlich überall von Menschen wimmelte.
Und warum man dann begann,
Autoreifen auf den Straßen zu verbrennen.
Schwarzer Rauch stieg hoch in die Luft,
der Mob hielt Fahrzeuge an.
Und es hallten Schreie, laut und wild:
Steckt alles an! Legt Feuer überall!
Einem Heer von Ameisen gleich
zogen Massen ins Zentrum Jakartas.
Und es tauchten Lastkraftwagen auf – woher? –,
von deren Ladeflächen Männer sprangen.
Dann hörte man andere Schreie:
Verbrennt sie, die Chinesen, zündet sie an!
Und eine Horde großer, stämmiger Männer
stürmte Geschäfte und Wohngebiete der Chinesen.
Drang in die Häuser der Schlitzaugen ein,
packte sie sich, schlug ein auf die Männer
und vergewaltigte die Frauen.
Keiner vermochte die Opfer zu zählen.
Fang Yin verfolgte im Fernsehen, wie die Lage eskalierte,
und eine seltsame Furcht ergriff ihr Herz.
Sie rief den Vater an, bat ihn, von der Arbeit heimzukommen.
Doch es gelang ihm nicht, die Massen verstopften die Straßen.
/6/
Dann erschienen die Dämonen, die sie fürchtete:
Sie hörte ein wildes Gebrüll. Eine Horde Männer
riss den Gartenzaun nieder, tötete den Schäferhund.
Dann drangen die Männer ins Haus.
Die Hausangestellte schrie voller Furcht,
unter den Hieben der Horde brach sie zusammen.
Fang Yin schloss sich in ihrem Zimmer ein,
wimmerte und schrie um Hilfe.
Doch niemand hörte sie,
die Nachbarn durchlitten vermutlich das Gleiche.
Fünf wilde Gestalten traten dann die Tür
zu ihrem Zimmer ein und zerrten sie aufs Bett.
Zogen sie an ihren Haaren,
rissen ihr vom Leib die Kleider,
traten, schlugen,
misshandelten sie.
Fang Yin weinte, schrie:
Hört auf, hört auf!
Ich geb euch Geld.
Lasst mich in Frieden.
Sie waren wie ein Rudel wilder Wölfe:
Zwei griffen ihre Beine,
spreizten sie. Und ein Dritter
machte sich an ihr zu schaffen.
So wurde sie vom Ersten geschändet,
bevor die Andren an die Reihe kamen.
Entjungferung: hart und brutal
und mitleidlos.
Fang Yin, die wehrte sich,
tobte und schrie,
schlug um sich,
tat alles, ihre Ehre zu verteidigen.
In ihrem Schmerz, in ihrer Angst
hörte sie die Horde lachen, grölen.
Die verrichtete ihr Werk,
bis Fang Yin das Bewusstsein verlor.
/7/
Arme, misshandelte Fang Yin!
Als sie die Augen öffnete,
fand sie sich in einem Bett,
im Krankenhaus.
Kho, ihr Freund, kam zu Besuch,
schenkte ihr ein Taschentuch.
Und ihre Tränen trocknete Fang Yin
mit jenem Tuch, das sie so treu begleiten sollte.
Darauf tropfte ihre erste Träne,
auch die zweite
und die zehnte,
auch die tausendste.
Und in jenem Tuch verwahrte sie die einsamen Nächte,
in denen sie Gott um den Tod anflehte,
jene Nächte der Ohnmacht.
Jenes Tuch war wie ein Tagebuch.
Rina, ihre beste Freundin, besuchte sie,
gemeinsam mit Kho.
Rima verstand, was sie fühlte,
tröstete und half.
Eine Infusionsnadel steckte in ihrer Hand,
Vater und Mutter weinten, umarmten sie fest.
Und Fang Yin erinnerte sich wieder
an das, was ihr geschehen war.
Und die Erinnerung war schlimmer
als Beulen und Flecken auf ihrem Leib.
Sie war geschändet worden!4 Fang Yin entwich
ein spitzer Schrei, der hallte durch das Krankenhaus.
Lieber Gott,
So hilf mir doch.
Hilf mir doch
In meiner Not!
/8/
Jakarta war ein Meer aus Flammen. Wo nur
waren Polizei und Militär? Keine Spur von ihnen …
Gewalt und Chaos weiteten sich aus,
wie ein Flächenbrand.
Die Menschen Jakartas waren verstört,
in den Straßen tobte der Mob,
woher kamen all diese fremden Gestalten,
niemand schien sie zu kennen.
Sie stiegen herab von Lasterladeflächen,
großgewachsene, starke Männer.
Sie zerstörten, legten Feuer, plünderten,
und viele schlossen sich ihnen an.
Und auf dem Höhepunkt des Chaos,
nach dem Zusammenbruch jeglicher Ordnung,
verschwanden die gedungenen Plünderer,
doch der Mob tobte weiter, grundlos, ohne Plan.
Plünderte nun seinerseits, einander rempelnd,
nebeneinander, übereinander, hinein in
brennende Geschäfte. Und manche verbrannten
lebendigen Leibs. Sinnloser Tod!5
/9/
Fang Yin und ihre Eltern verstanden nichts von Politik
und schon gar nichts von militärischen Dingen.6
Man verdiente sich als Händler seinen Lebensunterhalt.
Und nun, in der Not, war niemand da, der ihnen half.
Indonesien erbebte, Blitzte zuckten am Himmel.
Präsident Suharto war auf Staatsbesuch in Ägypten.
Während man auf seine Rückkehr wartete,
griff die Krise immer weiter um sich.
Am 15. Mai des Jahres 1998,
um 4.30 Uhr in der Frühe,
erklärte Präsident Suharto, dass ein Rücktritt ausgeschlossen sei.
Das trug nicht zur Beruhigung der Lage bei.
Die Chinesen fürchteten ein neues Chaos
und verkauften nun zu Schleuderpreisen
die Waren in ihren Geschäften,
bereiteten die Flucht ins Ausland vor.
Derweil war Fang Yin noch im Krankenhaus,
voller Furcht vor neuem Grauen, neuer Gewalt.
Voller Furcht vor wilden Männerhorden,
vor brutaler Vergewaltigung.
Vater, worin besteht meine Schuld? Warum wurde ich
geschändet? Hab ich etwas falsch gemacht?
Der Vater schwieg,
umarmte innig seine Tochter.
Doch Kho, ihr Freund, wandte sich ab von ihr,
und Fang Yin schrie in den Nächten.
Ein Guru, der ihr helfen sollte, sprach zu ihr
von Schicksalsergebenheit, wie sie Konfuzius lehrt.
Er verwies auf die Gesetze der Astrologie.
Fang Yin sei im Zeichen des Drachen geboren,
doch 1998 sei das Jahr des Tigers. Und Drachen
hätten nun einmal kein Glück in diesem Jahr.
Und er beschrieb die Prinzipien des Ren Dou,
die Lehre von den Beziehungen zwischen den Menschen.
Und er las ihr vor aus einem schmalen Buch,
dem Buch des Mengzi.
Dort stand:
Vermeide, das Böse zu sehen.
Vermeide, das Böse zu hören.
Vermeide, über das Böse zu sprechen.
Und er strich ihr über die Stirn,
blickte ihr tief in die Augen, übertrug seine Kräfte auf sie,
ließ ihre Lebenskräfte wachsen
und sagte sanft zu ihr:
Fang Yin, dies Unglück ist nun mal geschehen.
Vergiss es! Fang ein neues Leben an!
Nimm das Schicksal hin und besiege die Vergangenheit!
Ein starker Wille wird das Leid besiegen.
Im Fernsehen verfolgte Fang Yin eine Diskussion
über die Geschichte der Chinesen in Indonesien.
Die seien immer wieder Opfer des Amoks eines Mobs geworden.7
O weh …. Das hatte Fang Yin noch gar nicht gewusst.
/10/
Eine Woche nach den schrecklichen Ereignissen
flog Fang Yin mit ihren Eltern nach Amerika.
Nicht weil man Indonesien nicht liebe, sagte ihr Vater,
sondern weil die Lage dazu zwinge.
Und er erzählte vom Cousin des Großvaters,
einem Kämpfer für die Freiheit Indonesiens,
von Sie Kok Liong, einem Weggefährten von Sukarno,
dem einst das Gebäude in der Kramat-Straße 106 gehörte.
Dort habe damals der Kongress der Jugend stattgefunden,
dort sei am 28. Oktober 1928 die Idee der Unabhängigkeit verkündet worden.
Doch was bedeutet Indonesien Fang Yins Familie jetzt noch?
Indonesien, ein Land, aus dem man fliehen muss.
/11/
Dreizehn Jahre sind seitdem vergangen. Fang Yin hat gehört,
dass die Verhältnisse in Indonesien sich gebessert hätten:
es gäbe gar Chinesen im Ministerrang, und das Neujahrsfest,
das lang verboten war, sei nun ein offizieller Feiertag.
Der Löwentanz, der werde heute frei und offen aufgeführt,
und Zeitungen in chinesischer Sprache dürften zirkulieren.
Im Fernsehen gebe es ein chinesischsprachiges Programm,
und Konfuzianismus gehöre zu den staatlich anerkannten Religionen.8
All die Chinesen, die aus Indonesien geflüchtet waren,
feiern gerne gemeinsam das Neujahrsfest.
Viele von sind heute keine Bürger Indonesiens mehr,
haben einen Pass der USA, Singapurs oder anderer Staaten.
Für sie ist Indonesien nur noch
dunkle, traurige Vergangenheit.
Doch das Neujahrsfest vereint sie,
unabhängig von Staatsbürgerschaft oder Glauben.
Fang Yins Vater aber stand zum gefassten Entschluss,
Staatsbürger Indonesiens zu bleiben.
Und immer wieder sprach er mit Fang Yin
und mahnte:
Du bist Indonesierin, Fang Yin,
und du musst es bleiben. Ja, er hatte dort
sein Glück und Auskommen gefunden,
und zurück nach Indonesien zog es ihn.
Und er war erbost, als er erfuhr,
dass Fang Yin sich anders entschied.
Und es schmerzte ihn sehr,
als sie amerikanische Staatsbürgerin wurde.
Denn nur Gutes hatte ihr der Vater über Indonesien erzählt,
damit sie dieses Land aufs Neue lieben könne,
das Land, das ihre Eltern stets verteidigt hatten,
für dessen Freiheit schon die Ahnen kämpften.
Fang Yin hatte immer gerne gelesen,
und jetzt las sie vieles über Indonesien,
dass die Lage dort jetzt besser sei.
Und Wissen kann ja die Menschen verändern.
Doch Fang Yin hatte den festen Entschluss gefasst,
nie mehr nach Indonesien zurückzukehren.
Und der Vater hatte schließlich aufgegeben,
sie zur Rückkehr in die Heimat zu bewegen.
Als die Eltern dann zurück nach Indonesien gingen,
ließ sich Fang Yin auch dadurch nicht erweichen.
Sie blieb alleine in den USA zurück, denn sie liebte
das freie Leben in einer modernen Kultur.
Sie genoss den Schutz durch Recht und Gesetz,
dessen Fehlen sie in Indonesien beklagte.
Sie hasste die Gewalt,
und deshalb hasste sie auch Indonesien.
Doch selbst Felsen geraten durch schwere Wellen ins Wanken,
und das Meer kann zur Wüste verdorren.
Was unter der Sonne verändert sich nicht?
Und die Worte des Vaters waren tief verankert im Herzen Fan Yings:
Amerika ist nur ein Ort, wo wir vorübergehend leben sollten,
denn wir sind in Indonesien geboren und sollten dort auch sterben.
Die Schmerzen der Vergangenheit müssen überwunden werden,
die Liebe zur Heimat muss in uns wieder wachsen.
Und Schritt für Schritt und unter großen Mühen
vermochte Fang Yin den Zorn in sich zu tilgen,
auch wenn die Schrecken des erlebten Leids
sich immer noch wie ein Gespenst in ihrer Seele regten.
Fang Yin fand immer mehr zu sich selbst, las Bücher
über Religion, Politik und Philosophie, liebte auch die Dichtung.
Das erworbene Wissen machte sie stark,
und sie war reif geworden durch das Leid.
Und dreizehn Jahre nach ihrer Ankunft in Amerika
fühlt Fang Yin ein Sehnen in sich wachsen.
Sie denkt zurück an die Kindheit in Jakarta,
flüstert den Namen ihrer ersten Liebe: Albert Kho.
Kho, wo bist du jetzt, was machst du wohl?
Doch die Beziehung ist seit langem schon zu Ende,
seit der Flucht Fan Yings vor dreizehn Jahren.
Nur jenes Taschentuch verbindet beide noch.
Dass Kho mittlerweile verheiratet ist, das hatte sie gehört,
und zwar mit Rina, ihrer besten Freundin,
auch ein Mädchen chinesischer Herkunft.
Die beiden seien Muslime geworden.
Und Fang Yin erinnert sich an damals,
als Kho und Rina sie im Krankenhaus besuchten.
Und es tut ihr weh, dass sie von diesen beiden
verlassen und im Stich gelassen worden war.
/12/
Und jetzt kniet Fang Yin vor jenem Taschentuch,
zündet erneut ein Streichholz an.
Will das, was blieb von ihrer Liebe, verbrennen,
will die Vergangenheit aus ihrem Herzen tilgen.
Sie flüstert: Albert Kho, ich muss dich vergessen.
Da zittern ihre Finger, in denen sie das Streichholz hält.
Sie fürchtet, das Feuer könne sie verbrennen.
Und sie bläst das Streichholz aus.
Sie weint. Erst leise,
doch dann wird daraus ein lautes Schluchzen.
Sie reißt sich zusammen, beißt auf die Zähne,
keiner soll das Schluchzen hören.
Dann entzündet sie das nächste Streichholz.
Und ohne nachzudenken, zündet sie das Tuch jetzt an.
Es verbrennt in lodernder Flamme,
und in der Asche sieht Fang Lin ihr altes Ich.
Verbrannt ist die Vergangenheit,
verbrannt ist langes Leid,
verbrannt ist die Liebe zu Kho,
verbrannt die Eifersucht auf Rina.
Und ihr Hass auf Indonesien? Er ist verbrannt.
Und das Feuer hat sie selbst gereinigt.
Die Welt scheint stillzustehen,
auch die Zeit, für eine lange Weile.
Von jenem Taschentuch ist nur noch Asche übrig.
Fang Yin ist neugeboren,
ist ein neuer Mensch,
befreit vom Schrecken der Vergangenheit.
Tränen tropfen auf die Asche,
das Taschentuch ist vertilgt.
Fang Yin hat Frieden gefunden,
im Zimmer steht eine neue Fang Yin.
Sie betet: Herr, gib mir Mut und gib mir Kraft.
Ich möchte zurück in die Heimat.
Dort möcht ich fortan leben, und dort, wo ich geboren bin,
dort möchte ich dereinst auch sterben.
/13/
Was bedeutet Indonesien Fang Yin?
Dort auf die Welt zu kommen, hatte sie sich nie gewünscht.
Als noch offen waren ihre Wunden,
war dieses Land für sie nur ein Pfuhl aus Leid.
Jetzt aber sieht sie dieses Land mit andren Augen,
sie spiegelt sich darin und sieht, dass sich immer alles verändert.
Jetzt will sie sein wie ihre Ahnen: in Indonesien geboren,
leben, kämpfen und auch sterben.
Indonesien ist erneut in ihrem Herzen,
wie ein Palmenzweig, der winkt und lockt,
der sie anfleht heimzukommen!
Tränen fließen über ihre Wangen.
2012, dies ist das Jahr des Drachen,
das heißt, es wird für Fang Yin ein glückliches Jahr.
Sie sehnt sich nach Jakarta, der Stadt ihrer Kindheit,
nach all den Orten, wo sie damals glücklich war.
Vor dreizehn Jahren war sie angekommen in Amerika,
trug mit sich Wut und Zorn,
trug mit sich einen tiefen Hass
auf das Land, das Indonesien heißt.
Jetzt will sie heim, ist voller Sehnsucht, und sie hofft,
dass Indonesien so sei wie sie selbst: Sieger über die Vergangenheit.
Not und Unglück wird es immer geben, doch es gilt:
Stets einen Traum, ein Ideal zu haben.
Es heißt, es gebe jetzt ein neues Indonesien.
Ja, mein Entschluss steht fest: Ich kehre heim!
Bald schon werd ich in der Heimat sein!
Bald schon werde ich in Indonesien leben!
Aus dem Indonesischen von Berthold Damshäuser aus: Das Taschentuch der Fang Yin. Essay-Gedicht von Denny J.A.; Illustrationen von Sutanto, 124 Seiten; Verlag: Inspirasi co., 2015; (ISBN: 978-602-19153-2-5);
Eine Rezitation des Werkes mit Bildern und Musik von Berthold Damshäuser gibt es hier auf YouTube.